Viele kleine grüne Inseln in der Asphalt-Wüste
29.08.2025 MellingenDie Stadt will im Naturschutz vorwärts machen – ein neuer Massnahmenplan zeigt wie und wo das geschehen könnte
Kürzlich flatterte eine Broschüre in alle Haushaltungen von Mellingen. In dieser wird aufgezeigt, wie die Aktivitäten der öffentlichen Hand ...
Die Stadt will im Naturschutz vorwärts machen – ein neuer Massnahmenplan zeigt wie und wo das geschehen könnte
Kürzlich flatterte eine Broschüre in alle Haushaltungen von Mellingen. In dieser wird aufgezeigt, wie die Aktivitäten der öffentlichen Hand und Privaten für ein «grüneres Mellingen» in den nächsten Jahren intensiviert werden.
Die 48-seitige Broschüre «Massnahmenplan Natur Mellingen» ist mit einem schönen Foto von Mellingen an der Reuss aus der Vogelperspektive illustriert. Die Reuss säumen Pappeln und andere Bäume, die grünen Flecken sind zumeist landwirtschaftliche Flächen.
Doch Mellingen könnte noch naturnaher werden. Denn «Asphaltwüsten», sprich: versiegelte Flächen, prägen viele Orte. Das trägt auch zur Erwärmung der Stadt bei. Im Gegenzug sinkt unter einem Baum die Temperatur auf natürliche Weise um circa 5 Grad. Der Begrünung des öffentlichen Raums durch die Stadt kommt eine wichtige Bedeutung zu. Privatpersonen können durch die naturnahe Bepflanzung ihrer Gärten mit einheimischen Pflanzen ebenfalls dazu beitragen, dass Mellingen grüner wird und die Biodiversität (Artenvielfalt) gesteigert werden kann.
Hitze mildern, Biodiversität fördern
Die Mellinger Natur- und Umwelt-Kommission (NUK) hat den Massnahmenplan entwickelt. Dies nach einer Ausschreibung und unter externer fachlicher Begleitung des Büros «apiaster» aus Suhr. Thomas Lang, der Präsident des Vereins Birdlife Mellingen, hat die Prozesse moderiert. Der ehemalige Stadtrat Beat Gomes präsidierte die Kommission in seiner Amtszeit. Aktuell leitet Stadtpräsidentin Györgyi Schaeffer die Kommission weiter. «Wir möchten durch hitzemindernde Massnahmen die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum erhöhen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Förderung der Biodiversität im Siedlungsraum», sagt sie.
In die Broschüre sind auch die Meinungen aus anonym geführten Interviews mit Einwohnern Mellingens eingeflossen. Eine Forderung, die immer wieder kam, ist «Mehr Bäume». Eine zweite lautet «Mehr Erholungsraum an der Reuss». Und Mellingen soll eine «Stadt der Blumen werden», wofür mehr «entsiegelte» Flächen nötig wären; das sind Oberflächen, von denen wasserundurchlässige Baustoffe wie Asphalt, Beton oder Pflastersteine entfernt wurden, um den Boden wieder für die natürliche Versickerung von Regenwasser zugänglich zu machen. Auf dem Weg zur grüneren Stadt werden die Massnahmen zeitlich und nach Grösse der Projekte geordnet.
Schnell, mittel und langfristig
«Die Biodiversitäts-Express-Flächen» definieren schnell umsetzbare Flächen, die bis zum Jahr 2030 entsiegelt und ökologisch aufgewertet werden sollen. Dazu zählt beispielsweise die Neugestaltung der Wiese beim «Migros-Kreisel», dem Eingangstor zu Mellingen. Dort sollen standortgerechte Gehölze und Stauden gepflanzt und Sitzbänke aufgestellt werden.
Die ökologische Aufwertung der Kreisel an den Kantonsstrasse ist eine weitere Massnahme, die schon begonnen hat (der «Reussbote» berichtete). Eine rasche Massnahme betrifft die «Stadttor-Wiese», eine kleine Wiesenfläche zwischen der Stadttörli-Beiz und dem grossen Parkplatz. Die Mauer soll entfernt werden und ein kleiner Stadtpark entstehen. Auch die naturnahe Gestaltung diverser Rabatten auf gemeindeeigenen Flächen gehört zu den Express-Massnahmen. Beim Lindenplatz hat der Werkdienst in den Strassen-Randstreifen bereits kleine Blumenwiesen angepflanzt. Weitere sollen folgen. In der Altstadt sollen zudem mobile Bäume das Klima verbessern helfen (das Städtchen wird im Sommer jeweils zur Hitzeinsel).
Die Natur- und Umweltkommission schlägt ferner vor, beim Tennisclub Mellingen neue Baumreihen und Gebüschgruppen zu pflanzen, um die Sportareale zu kühlen. Heute seien sie völlig exponiert.
Die zweite Kategorie von Massnahmen soll bis 2040 umgesetzt werden und läuft unter dem Begriff «Klimapass-Flächen». Durch den hohen Versiegelungsgrad in der Altstadt sind kaum kühlende Grünräume vorhanden. Flächen könnten entsiegelt, versickerungsfähige Beläge eingebaut und neue Bäume gepflanzt werden. Auch die Begrünung von Fassaden wird sehr begrüsst.
Erholungsraum an Reuss erwünscht
Für die Stadtbehörden ist die Förderung der Biodiversität auf den gemeindeeigenen Grundstücken der einfachste Weg. Zwischen Rathaus und Ibergplatz, an der Reuss, wünscht sich auch die Bevölkerung einen schön gestalteten Erholungsort mit Sommerbeiz. Die heutige unübersichtliche Situation mit Abstellplätzen, Zäunen und einfriedenden Hecken könnte verbessert werden. Bei Strassensanierungen will die Stadt zusammenhängende Grünstreifen mit Baumgruppen einplanen. Auch das trägt zur Verbesserung des Mikroklimas bei.
Auch bei den öffentlichen Parkplätzen soll mit der Entsiegelung und der Beschattung durch Bäume das Hitzeproblem stark reduziert werden. Nicht zuletzt betrifft eine Massnahme auch die Sensibilisierung der Bevölkerung. Die Bevölkerung soll auf Grünoder Naturräume in der Gemeinde aufmerksam gemacht werden. Beispielsweise durch Infotafeln. Bezüglich der Umweltbildung werden wie bisher Jugendliche oder Schulklassen beigezogen, indem diese unter Anleitung neue Hecken pflanzen.
Der Massnahmenplan Natur Mellingen ist eine Auflistung von potenziellen ökologischen Aufwertungsprojekten. «Aus diesem Werkzeugkasten wird die Kommission nun eine Prioritätenliste erstellen und schrittweise einzelne Projekte umsetzen, auch unter Berücksichtigung der Gemeindefinanzen», erklärt Thomas Lang.
Zu den ganz grossen Projekten zählt die Neugestaltung des Lindenplatzes im Herz von Mellingen. Der Parkplatz hat Vor- und Nachteile, heisst es im Massnahmenplan. «Er bietet wichtige Abstellplätze (…) und besetzt gleichzeitig den dringend gesuchten Raum für die Vernetzung und Entwicklung des Stadtzentrums als Begegnungsund Erholungsraums.» Hier gilt aber bekanntlich: keine Aufhebung von Parkfeldern ohne Ersatz. Laut Stadtpräsidentin Györgyi Schaeffer prüft die Stadt, ein unterirdisches Parkhaus zu erstellen und die obere Fläche als Stadtpark zu nutzen. «Die Idee geht auf eine Bürgerinitiative von Paul Zürcher zurück», sagt sie. Momentan werde die Machbarkeit des Parkhauses geprüft. Vor allem wegen des Grundwassers. Der Zeitpunkt sei richtig, weil die Birrfeldstrasse wegen der neuen Überbauung bald saniert und deshalb geöffnet wird.
Marc Benedetti