Wenn die Nati spielt, ist für «Bolanzki» Feiertag
03.07.2026 Region ReusstalWie Schweizer in Brasilien die Fussball-WM erleben – aus Gurupi, wo Beat Bolanz und sein Vornamensvetter Gomes den Lebensabend verbringen
Beat Bolanz (62) hat sich nach 40 Jahren beim Schweizer Fernsehen vorzeitig pensionieren lassen – und ist ausgewandert. Nun lebt er ...
Wie Schweizer in Brasilien die Fussball-WM erleben – aus Gurupi, wo Beat Bolanz und sein Vornamensvetter Gomes den Lebensabend verbringen
Beat Bolanz (62) hat sich nach 40 Jahren beim Schweizer Fernsehen vorzeitig pensionieren lassen – und ist ausgewandert. Nun lebt er mit seiner Frau Maria «im Wilden Westen» von Brasilien. Wenn die Schweizer Fussball-Nati spielt, ist für «Bolanzki» ein Feiertag. Dann lädt er Schweizer Kollegen zum Spiel ein. Es ist weit mehr als nur 90 Minuten Fussball – es ist ein Stück Heimat auf Zeit.
Wenn seine Kollegen von ihm wissen wollen, an welchem Sandstrand er denn in Brasilien lebe, winkt «Bolanzki» ab. Nicht Rio, nicht Salvador Bahia oder Fortaleza, nicht an einem der traumhaften Strände. Nein, er lebt in Gurupi, «im Wilden Westen von Brasilien», wie «Bolanzki» zu sagen pflegt. Er wanderte vor etwas mehr als einem Jahr aus. 300 Kisten hat er in Containern über den Ozean schiffen lassen. Den ganzen Hausrat, der sich über die Jahre angesammelt hat. Platz hat er in seinem neuen Haus mit rund 300 Quadratmetern Wohnfläche. Beim Schweizer Fernsehen SRF hat man ihn nicht gerne ziehen lassen. Denn «Bolanzki» gehörte sozusagen zum Inventar des Staatssenders. 40 Jahre lang war er als Cutter im Einsatz. Neben dem Tagesgeschehen hat er hauptsächlich für den Sport gearbeitet. Während er eine selbst gemachte Torte anschneidet, sagt der Auswanderer, mit der Tortenschaufel in der Hand: «Ich war der Mann mit dem schnellen Schnitt.» Eigentlich heisst er Bolanz, doch irgendwann haben ihn die Kollegen vom Fernsehen zum «Bolanzki» gemacht. In einem 20-minütigen Abschiedsvideo, das die Sportredaktion über ihn gedreht hat, verrät Sportreporterlegende Beni Thurnheer, er habe vergebens versucht, Bolanz einen anderen Spitznamen zu verpassen, doch «Bolanzki» war nicht wegzukriegen.
Bolanz wird Bolanzki
So wurde «Bolanzki» im Laufe der Jahrzehnte zu einer Instanz am Leutschenbach. Fünf Olympische Spiele, eine Fussballweltmeisterschaft, viele Ski- und Eishockey-Weltmeisterschaften und unzählige andere Sportanlässe stehen in seinem Lebenslauf. Dabei hat er die Welt gesehen. Und die Welt ihn. Zum Beispiel der früh verstorbene Andi Hug, der unvergessliche K1-Weltmeister, eine Legende in Japan. Ihm begegnete «Bolanzki» bei seinem ersten Einsatz in Japan. Oder O. J. Simpson, der umstrittene Football-Star, der wegen Mordes an seiner Frau angeklagt und in einem weltweit beachteten Prozess freigesprochen wurde. Mit ihm hat sich «Bolanzki» zufällig in einer Bar in Los Angeles getroffen. Die Reporter beim Fernsehen konnten sich auf ihren «Bolanzki» verlassen. So wurde er an der Fussball-WM 2014 kurzerhand zum Reporter umfunktioniert, als es darum ging, einen Stamm der Indigenen im Grossraum Rio de Janeiro vorzustellen. Denn «Bolanzki» war der einzige, der portugiesisch parlieren konnte. Im Abschiedsvideo schwärmen sie von seiner Professionalität, seiner stets guten Laune und seiner unerschütterlichen Ruhe, selbst bei grösstem Stress. Einer sagte sogar unter Tränen, man wisse nicht, wie es beim Schweizer Fernsehen ohne «Bolanzki» weitergehen soll. Wie wir wissen, ging es weiter. «Bolanzki» hält noch mit einigen Kollegen Kontakt über die sozialen Medien. Mit originellen Videos hält er sie auf dem Laufenden.
In der Provinz zu Hause
Dass er irgendwo in der Provinz Brasiliens angesiedelt hat, können sie allerdings nicht recht nachvollziehen.
Tatsächlich gehört Gurupi mit seinen knapp 100 000 Einwohnern nicht zu den Touristen-Hotspots Brasiliens. Noch 1958 war der Flecken inmitten des Landes nichts weiter als ein Agrarvorposten der etwas mehr als 150 Kilometer entfernten Stadt Porto Nacional. Erst mit der Gründung der Stadt im Jahr 1959 begann sich aus dem Dorf, das mehr Rinder als Menschen beherbergte, die Stadt an der viel befahrenen «Rodoviaria Transbrasiliana», eine der wichtigsten Nord-Süd-Verkehrsachsen Brasiliens, zu entwickeln. Mit einer Fläche von mehr als 1800 Quadratkilometern ist Gurupi flächenmässig rund zwanzig Mal grösser als die Stadt Zürich oder zwölf Mal so gross wie der Bezirk Baden. Die Stadtplaner haben scheinbar Grosses vor. Denn die zukünftigen Aussenbezirke sind bereits ausgesteckt und vielerorts auch schon eingezont. «Bolanzki» wohnt in einem solchen Aussenbezirk im «Parque dos Buriti». Mit Google Maps kein Problem.
Premiere bei Bolanzki
Sein Haus zu finden ist auch nicht schwer. Denn an der Fassade, neben dem ausladend breiten Garagentor, kreuzen sich die brasilianische und die Schweizerfahne, wobei die brasilianische deutlich grösser ist. «Bolanzki» hat zum ersten Spiel der Schweizer Nationalmannschaft gegen Katar eingeladen. Die Gästeliste ist überschaubar. Neben dem Chronisten, der vor einem Jahr von Mellingen nach Gurupi auswanderte, ist auch Marco Crucenzo, ein weiterer Schweizer mit seiner Frau Francisca gekommen. «Bolanzki» empfängt im Nati-Dress mit Schweizer Kreuz auf der Brust. Den Innenhof mit dem einladenden Pool hat er mit Schweizer Fähnchen-Girlanden geschmückt. Von zwei riesigen Bildschirmen flimmern bereits erste Vorschaubilder. «Cazè TV» liefert ein Programm, das wahrscheinlich weltweit einzigartig ist. Dabei wurde der Sender erst 2022 vom brasilianischen Streamer Casimiro Miguel, genannt «Cazè» gegründet. Cazè TV ist heute einer der grössten und erfolgreichsten Sport- und Unterhaltungskanäle Brasiliens. Der Kanal startete ursprünglich, um Spiele der Fussball-WM in Katar auf YouTube und Twitch zu streamen. Mittlerweise hat sich „Cazè TV“ gigantische Übertragungsrechte gesichert. Darunter von der Frauen-Fussball-WM 2023 und den Olympischen Spielen in Paris 2024, der Euro 2024 und für die aktuelle Fussball-WM in den USA, Mexiko und Kanada.
Andere Dimensionen
Beim Spiel der Schweizer sind teilweise mehr als 13 Millionen Fernseher zugeschaltet. Eine gewaltige Zahl. Ist aber bescheiden, im Vergleich, wenn Brasiliens Seleção aufläuft. Gegen Haiti waren über 30 Millionen Fernsehgeräte zugeschaltet. Schätzungsweise sassen 150 Millionen Brasilianer vor dem Fernseher. Die Einschaltquote wird während der ganzen Spieldauer live eingespielt. Ja, Fussball in Brasilien. Was wurde und wird nicht alles darüber geschrieben? Fussball ist in Brasilien weit mehr als Sport. Es ist zentraler Bestandteil der nationalen Identität. Es ist völlig normal, wenn Brasilianer im Alltag in den Farben ihres Vereins umherlaufen. Man bekennt sich zu seinem Verein. Von der Wiege bis zur Bahre. Fussball ist sozusagen Religion. Oder zumindest Ersatz dafür. Wenn sie nichts zu berichten haben, dann reden sie in der Beiz, bei der Arbeit oder im Familienkreis über Fussball. So kann es sein, dass der Vater Flamenguista (Anhänger von CR Flamengo aus Rio de Janeiro), der Sohn Palmeirense (Botafogo Rio de Janeiro) und die Tochter Botafoguense (Botafogo Rio de Janeiro) ist. Da kann es dann schon mal zu hitzigen Diskussionen kommen, die aber meistens friedlich bleiben. Denn Fussball ist nicht nur Leidenschaft, er ist die pure Lebensfreude, zumindest so lange das eigene Team gewinnt.
Rumo ao Hexa
Wenn Brasilien spielt, werden selbst Fussball-Abstinenzler zu Fans. Nicht weil sie Fussball verstehen würden. Nein, weil die Seleção spielt. Da zieht man sich ein gelbes Shirt mit dem brasilianischen Emblem über. Darunter der Slogan «Ordem e Progresso», Ordnung und Fortschritt. Das mit dem Fortschritt steht bei der Seleção allerdings auf wackligen Beinen. Auf der Strasse findet sich kaum einer, der Brasilien den 6. Titel zutraut. Doch genau das ist der Anspruch. «Rumo ao Hexa!» (Auf dem Weg zum sechsten Titel): Die ultimative Aufforderung, den Kübel ein sechstes Mal ins Land zu holen. Der Slogan ist tausendfach auf den Asphalt der Strassen gemalt. In Supermärkten, an Tankstellen oder in Schaufenstern, überall ist die Aufforderung präsent „Rumo ao Hexa!“ Die grosse Hoffnung heisst Carlo Ancelotti, der Meistertrainer aus Italien. Die brasilianische Nationalmannschaft leidet seit Jahren nicht an Mangel an Talent, sondern oft an Disziplin, taktischer Balance und dem Umgang mit dem enormen Druck. 200 Millionen Brasilianer wollen nichts anderes als den Titel.
Nur der Titel zählt
Das kann lähmend wirken. Ancelotti ist einer der erfolgreichsten seiner Zunft. Er hat in allen fünf grossen europäischen Ligen (Italien, Deutschland, England, Frankreich und Spanien) den Titel geholt. Niemand hat als Trainer die Champions League öfter gewonnen als Ancelotti. Zuletzt mit Real Madrid. Mit den Brasilianern Vinicius Júnior, Rodrygo und Éder Militão hat er seine tragende Achse aus Madrid wieder unter seinen Fittichen. Dazu mit dem 19-jährigen Endrick das neueste Sturmjuwel, das ebenfalls bei Real unter Vertrag steht. Ancelotti wird zugetraut, dass er aus seinen verwöhnten Stars eine Einheit formt und zum Titel führt.
Schweiz spielt keine Rolle
Von der Schweiz wissen die meisten Brasilianer wenig bis nichts. Der Fussball ist für jene, welche «Suiça» schon gehört haben, einer der wenigen Anknüpfungspunkte. So erinnern sich einige, dass Brasilien an der letzten WM in Katar die Schweiz in Doha 1:0 besiegte. Entsprechend gering ist das Interesse, wenn die Schweizer Nati spielt. Gelinde gesagt, interessiert sich hier keiner für das Spiel gegen Katar. Dennoch ist der Andrang im Hause «Bolanzki» beträchtlich. Aber nur, weil nach dem Spiel der Schweiz Brasilien gegen Marokko läuft. Und weil das kulinarische Angebot bei «Bolanzki» nie zu verachten ist.
Wurst-Käsesalat
Zur Enttäuschung der zahlreichen brasilianischen Gäste, die sich teilweise selbst eingeladen haben, bleibt die «Churrasqueira» (Grill), an diesem Tag kalt. Angesagt ist Schweizer Kost. Zum Beispiel Wurst-Käsesalat mit Cervelats aus dem Aargau, die ein Besucher mitgebracht hat. Beim Käse musste allerdings improvisiert werden. Anstatt des geliebten Gruyère musste man sich mit einem Käse aus dem Nachbarbundesstaat Minas Gerais begnügen. «Ging auch», murmelt man in der Runde. In der Ferne muss man halt nehmen, was man bekommt. Jedenfalls half die Kulinarik aus der Schweiz über das enttäuschende Resultat gegen Katar hinweg. Gegen Bosnien-Herzegowina blieben dann die Schweizer im Hause «Bolanzki» unter sich. Diesmal gabs Boeuf Stroganoff und eine hausgemachte Torte zum Dessert. Es hat so gut geschmeckt wie der 4:1-Sieg, der auch bei den Brasilien-Schweizern für bessere Laune sorgte, als noch das 1:1 gegen Katar. Sie werden sich für die weiteren Spiele erneut treffen. Natürlich gibts auch dann wieder gute Hausmannskost. Zum Beispiel Kartoffelsalat mit Beinschinken. Und «Bolanzki» wird wieder rücklings in den Pool springen, ob Sieg oder Niederlage.
Beat Gomes









