Wenn Gamen zum täglichen Kampf wird
21.08.2026 Serie im ReussboteBeratungskolumne der Schulischen Heilpädagogin und Familientherapeutin Iris Selby
Werkzeugkiste für eine gelingende Erziehung: Wie du deine Kinder erziehst – und ganz nebenbei auch dich selbst!
Vater Pedro fragt besorgt:
Beratungskolumne der Schulischen Heilpädagogin und Familientherapeutin Iris Selby
Werkzeugkiste für eine gelingende Erziehung: Wie du deine Kinder erziehst – und ganz nebenbei auch dich selbst!
Vater Pedro fragt besorgt:
«Unser achtjähriger Sohn will nur noch gamen. Er hat immer weniger soziale Kontakte. Wenn er sich mit Freunden trifft, gamen sie oft gemeinsam. Sobald wir versuchen das Gamen einzuschränken gibt es Auseinandersetzungen. Was können wir tun, damit daraus keine Sucht entsteht?»
Medien gehören dazu – aber es braucht Grenzen
Medien sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Computer, Tablets, Smartphones und Spielkonsolen gehören zur Lebenswelt unserer Kinder. Sie bieten viele Möglichkeiten und können durchaus bereichern. Gleichzeitig beobachte ich in meiner Arbeit an Schulen immer wieder Kinder, mehrheitlich Jungs, bei denen das Gamen extrem viel Raum einnimmt. Andere Interessen treten in den Hintergrund und manchmal werden sogar Sport, Bewegung, Freundschaften oder die Familienzeit zunehmend unwichtig.
Dabei müssen wir Erwachsenen durchaus auch selbstkritisch hinschauen. Wie oft greifen wir selbst zum Handy? Liegt es beim Essen neben uns? Schauen wir während eines Gesprächs schnell mal auf eine Nachricht? Ist es lautlos geschalten? Medienerziehung beginnt nicht beim Kind, sondern bei uns Erwachsenen. Wir sind die Vorbilder.
Kinder können sich noch nicht selbst begrenzen
Von einem Achtjährigen können wir nicht erwarten, dass er seine Medienzeit vernünftig selbst reguliert. Die Bereiche des Gehirns, die für Impulskontrolle, Planung und Selbststeuerung zuständig sind, entwickeln sich noch bis weit ins junge Erwachsenenalter. Kinder können sich deshalb noch nicht so gut bremsen, vorausplanen und selbst steuern wie Erwachsene.
Digitale Spiele sind zudem so ausgestaltet, dass sie dazu motivieren dranzubleiben und immer weiterzuspielen. Es gibt Punkte, Belohnungen, neue Levels und immer wieder Erfolgserlebnisse. Aufhören ist auch deshalb schwierig. Genau hier brauchen Kinder die Erwachsenen. Wir müssen einen Teil der Selbststeuerung übernehmen, die noch fehlt.
Grenzen zu setzen ist keinesfalls böse und lieblos, im Gegenteil, es gehört zu unserer Verantwortung.
Wie viel Medienzeit ist sinnvoll?
Eine starre Minutenregel für jedes Kind gibt es nicht. Für Kinder im Primarschulalter können ungefähr 30 bis 60 Minuten Bildschirmzeit in der Freizeit pro Tag eine Orientierung sein. Entscheidend ist auch, was das Kind am Bildschirm macht und ob genügend Zeit für Schlaf, Bewegung, Schule, Familie, Freundschaften, freies Spiel und Langeweile bleibt.
Bei Pedros achtjährigem Sohn könnte die Familie beispielsweise eine tägliche Medienzeit von maximal einer Stunde vereinbaren. Dazu gehören Fernsehen, Gamen und jede andere Freizeitnutzung am Bildschirm. Gemeinsam wird besprochen, wie diese Zeit genutzt werden darf. Eine einfache Familienregel könnte zusätzlich lauten: Die analoge Freizeit soll deutlich mehr Raum einnehmen, als die Bildschirmzeit.
Regeln gemeinsam festlegen – und dann auch einhalten
Setzt euch als Familie an den Tisch und besprecht eure Medienregeln und auch warum es diese gibt. Wann darf gespielt werden? Wie lange? Welche Spiele sind erlaubt? Wann bleiben die Geräte ausgeschaltet? Durchaus sinnvoll sind medienfreie Mahlzeiten und bildschirmfreie Zeiten vor dem Schlafengehen.
Bei jüngeren Kindern dürfen Eltern auch kontrollieren, welche Spiele, Plattformen und Inhalte genutzt werden. Begleiten bedeutet dabei, nicht nur elektronisch zu überwachen. Setzt euch gelegentlich dazu. Lasst euch das Lieblingsspiel erklären. Fragt interessiert: «Wer hat dich darauf gebracht?», «Was gefällt dir daran?» oder «Mit wem spielst du?» So bleibt ihr mit eurem Kind auch in seiner digitalen Welt in Beziehung.
Dann folgt der schwierigste Teil: Ihr haltet die vereinbarten Regeln ein.
«Alle anderen dürfen länger!»
Wer Medienzeit begrenzt, muss mit Widerstand rechnen. Das Kind wird vielleicht wütend, schimpft oder findet seine Eltern in diesem Moment richtig gemein. Das auszuhalten gehört zur Erziehung.
Eltern müssen nicht jede Frustration ihres Kindes verhindern. Kinder dürfen Emotionen erleben: «Ich möchte weiterspielen und darf trotzdem nicht.» Genau diese Situationen helfen dabei, zu lernen mit Enttäuschungen umzugehen. Zudem wird die Selbstregulation trainiert. Wichtig ist dabei, ruhig und klar zu bleiben. Eine bekannte und verlässliche Regel gibt Orientierung. Nicht jeden Abend neu verhandeln, nicht drohen und nicht endlos diskutieren.
Das echte Leben muss spannend bleiben
Nur die Spielkonsole auszuschalten reicht allerdings nicht. Kinder brauchen echte Alternativen, sonst fallen sie je nach Gewöhnung, in ein Loch. Fussball spielen, Freunde treffen, im Wald unterwegs sein, basteln, bauen, kochen, Musik machen, lesen oder einfach einmal nichts tun.
Auch Langeweile ist wertvoll. Wir müssen unsere Kinder nicht ständig beschäftigen. Aus einem «Mir ist langweilig!» kann nach einer Weile eine eigene Idee entstehen. Genau dann werden Kreativität, Eigeninitiative und Fantasie angeregt.
Unternehmt auch als Familie Dinge miteinander. Geht in die Natur, den Kletterpark, die Badi oder nehmt das Velo für einen Ausflug oder zum Einkaufen. Erlebt kleine Abenteuer. Gemeinsame Erlebnisse und die dadurch gefestigte Beziehung sind ein wunderbares Gegengewicht zur digitalen Welt.
Wenn hinter dem Gamen mehr steckt
Nicht jedes Kind, welches viel mit Games spielt, ist süchtig. Hellhörig sollten Eltern jedoch werden, wenn das Spielen zunehmend andere Lebensbereiche verdrängt. Wenn das Kind kaum noch andere Interessen hat, Schlaf, Schule oder Freundschaften leiden, Regeln dauerhaft zu massiven Konflikten führen oder das Kind trotz negativer Folgen kaum mehr aufhören kann. Dann muss man sich fragen, was im wirklichen Leben allenfalls fehlt? Freunde? Wohlbefinden? Erfolgserlebnisse? Sozialer Austausch? Aufgaben? Einsam, überfordert oder unglücklich? Ein übermässiger Medienkonsum ist manchmal nicht das eigentliche Problem, sondern ein Hinweis darauf, dass ein Kind versucht, unangenehmen Gefühlen oder Schwierigkeiten auszuweichen. Dann ist auch eine Fach- oder Beratungsstelle beizuziehen.
Medien sollen das Leben ergänzen – nicht ersetzen
Kinder brauchen Bewegung, Begegnungen mit anderen Menschen, Natur, Berührungen, Gespräche, freies Spiel und eigene Erfahrungen. Sie müssen mit allen Sinnen entdecken, ausprobieren, manchmal scheitern und immer wieder neu beginnen dürfen.
Digitale Medien gehören zu unserer Welt. Es geht nicht darum, sie zu verbieten, sondern Kindern einen guten Umgang damit vorzuleben.
Schaut hin, interessiert euch für die digitale Welt eures Kindes und bleibt mit ihm im Gespräch. Setzt aber Grenzen, wo solche nötig sind. Vor allem aber: Sorgt dafür, dass das echte Leben lebendig bleibt – mit all seinen Farben, Abenteuern und Begegnungen, denn dort gedeiht euer Kind.
Herzlichst eure Erziehungsberaterin Iris Selby
Weitere Fragen erreichen mich an: mail@irisselby.ch

