Wenn Rechnen zur Herausforderung wird
03.07.2026 Serie im ReussboteBeratungskolumne der Schulischen Heilpädagogin und Familientherapeutin Iris Selby
Werkzeugkiste für eine gelingende Erziehung: Wie du deine Kinder erziehst – und ganz nebenbei auch dich selbst!
Unser Kind übt und übt und versteht ...
Beratungskolumne der Schulischen Heilpädagogin und Familientherapeutin Iris Selby
Werkzeugkiste für eine gelingende Erziehung: Wie du deine Kinder erziehst – und ganz nebenbei auch dich selbst!
Unser Kind übt und übt und versteht das Rechnen trotzdem nicht
Dies stellen viele Eltern mit grosser Sorge fest. Als schulische Heilpädagogin begleite und fördere ich auch Kinder mit Rechenproblemen gezielt im Schulalltag. Zuerst beobachte ich genau und führe entsprechende Abklärungen durch, um festzustellen, ob eine Rechenstörung (Dyskalkulie) vorliegt. Viele Eltern sind erleichtert, wenn die Schwierigkeiten ihres Kindes endlich einen Namen bekommen und verstanden wird, weshalb das Rechnen trotz intensivem Üben schwerfällt.
Wenn Rechnen zur täglichen Belastung wird
In der Schule geht es oft schnell vorwärts. Gerade beim Rechnen zeigt sich früh, ob ein Kind ein sicheres Zahlenverständnis entwickeln kann oder ob grundlegende Zusammenhänge Mühe bereiten. Bereits in der ersten Klasse werden die Zahlen bis 20 kennengelernt und erste Plus- und Minusaufgaben gelöst. Besonders der Zehnerübergang – das Lösen von Aufgaben über die Zahl 10 (oder 20, 30, ...) hinweg in zwei Schritten – wird für Kinder mit einer Rechenschwäche häufig zur grossen Herausforderung. Viele zählen lange mit den Fingern weiter oder verlieren beim Rechnen schnell den Überblick. Später setzt sich diese Unsicherheit oftmals fort. Im Zahlenraum bis 100 oder 1000 geraten viele Kinder zunehmend unter Druck. Sie kommen zwar manchmal auf ein Resultat, rechnen aber nicht wirklich, sondern zählen Schritt für Schritt ab. Das kostet enorm viel Energie und führt häufig zu Fehlern. Spätestens in höheren Klassen werden die Schwierigkeiten dann deutlich sichtbar.
Rechenschwäche ist häufiger, als viele denken
Dyskalkulie – also eine ausgeprägte Rechenschwäche – kommt an Schulen ungefähr gleich häufig vor wie die Legasthenie, die heute meist als LRS (Lese-Rechtschreib-Schwäche) bezeichnet wird. Während die Förderung bei LRS mittlerweile vielerorts selbstverständlich ist und Therapien oft durch die Schule angeboten und/oder finanziert werden, sieht dies bei der Dyskalkulie leider noch anders aus.
Viele Gemeinden übernehmen die Kosten für eine Dyskalkulie-Therapie bisher nur teilweise oder noch gar nicht. Doch die Entwicklung geht vorwärts: Immer mehr Schulen und Gemeinden erkennen, wie wichtig eine gezielte Förderung auch im rechnerischen Bereich ist. Deshalb lohnt es sich unbedingt bei der Schule oder der Gemeinde nach den Möglichkeiten zu fragen. Eine gezielte Dyskalkulie-Therapie oder ein Förderunterricht kann für ein Kind einen enormen Unterschied für die zukünftige Entwicklung machen.
Mehr als nur schlecht
Den jüngeren Kindern erkläre ich das Rechnen oft mit Geschichten. Dadurch werden Zahlen fassbarer und Mathematik verliert ihren abstrakten Charakter. Das Plusrechnen binde ich beispielsweise in eine Geburtstagsgeschichte ein: Auf dem Tisch liegen Geschenke und es kommen neue dazu. Beim Minusrechnen spielen kleine Hunde Verstecken und verschwinden im Hundehäuschen.
Auch den Zehnerübergang erkläre ich mit Bildern aus dem Alltag. Dafür erzähle ich die Geschichte eines Parkhauses: Das Parkhaus hat nur zehn Plätze. Sobald zehn Autos darin stehen, müssen die übrigen Autos draussen warten. So verstehen die Kinder plötzlich, warum beim Rechnen «über den Zehner» etwas verändert ist.
Mit Geschichten, Liedern und spielerischen Bildern wird Rechnen nicht mehr als trockene Materie erlebt, sondern in das alltägliche Leben integriert. Genau das sollen Kinder erfahren dürfen: Rechenaufgaben sind überall im Alltag vorhanden und haben einen Praxisbezug.
Was bei Dyskalkulie hilft
Kinder mit einer Rechenschwäche brauchen vor allem Verständnis, Geduld und gezielte Unterstützung. Wichtig ist, die Grundlagen des Rechnens langsam und handelnd aufzubauen. Zahlen müssen sichtbar und begreifbar sein. Materialien wie Einerwürfel, Zehnerstäbe, Hundertertafeln oder ein Abakus helfen enorm.
Auch im Alltag lässt sich das Rechnen spielerisch fördern: Beim Einkaufen Preise lesen, beim Backen Mengen vergleichen oder gemeinsam Gewichte abschätzen. Kurze, regelmässige Übungsphasen wirken meist besser, als stundenlanges Lernen unter Druck.
Besonders wichtig ist jedoch die emotionale Unterstützung. Viele Kinder mit Dyskalkulie erleben täglich Frust und verlieren das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Umso wertvoller sind kleine Erfolgserlebnisse und Erwachsene, die dem Kind zeigen: «Du kannst lernen – einfach auf deine Weise.»
Freude am Rechnen
Als Heilpädagogin erlebe ich immer wieder, wie Kinder mit der richtigen Unterstützung plötzlich Fortschritte machen und wieder Freude an Zahlen und am Rechnen entwickeln. Sobald die Grundlagen verständlich aufgebaut werden und der Druck sinkt, kommt oft auch das Selbstvertrauen zurück. Entscheidend ist nicht, wie schnell ein Kind rechnet, sondern dass es Strategien zu den einzelnen Rechenoperationen erhält. Dann muss es nicht mehr zählend rechnen. Denn zählen ist nicht rechnen.
Jetzt stehen bald Sommerferien vor der Tür. Die Anstrengungen des Schulalltags dürfen nun für eine Weile pausieren. Das Rechnen darf Platz machen für gemeinsame Familienzeit, freies Spiel, kreative Ideen und ganz viel Freude am einfachen Sein. Das auch deshalb, weil Kinder immer lernen – nicht nur in der Schule. Beim Spielen ebenso wie beim Entdecken, Backen, Bauen, Erzählen und im gemeinsamen Alltag mit ihren Liebsten. Gerade diese unbeschwerten Momente stärken Kinder oft mehr, als wir Erwachsenen manchmal denken.
Mit diesem Gedanken wünsche ich allen Familien eine erholsame, sonnige und kreative Sommerpause voller schöner gemeinsamer Erinnerungen.
Herzlich, Iris Selby
Weitere Fragen erreichen mich per E-Mail an: mail@irisselby.ch
Daten und Infos zur Elternerziehungskursen mit Kinderbetreuung und Anfragen zu Dyskalkulie-Therapie sowie Begleitung von neurodivergenten Kindern/Eltern:
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