Evelyne Wernli: «Frauen rufen uns in der Nacht an»
27.02.2026 MellingenGemeinsam mit dem Aargauischen Katholischen Frauenbund organisiert die Mellingerin Evelyne Wernli ein Podium über Femizide
Die Zahlen zu Femiziden sind erschreckend hoch. Der Katholische Frauenbund will hinschauen, reden und lädt deshalb zum Podium ein. Die Mellingerin Evelyne ...
Gemeinsam mit dem Aargauischen Katholischen Frauenbund organisiert die Mellingerin Evelyne Wernli ein Podium über Femizide
Die Zahlen zu Femiziden sind erschreckend hoch. Der Katholische Frauenbund will hinschauen, reden und lädt deshalb zum Podium ein. Die Mellingerin Evelyne Wernli ist im Vorstand und erzählt, was der AKF erreichen möchte.
Alle zwei Wochen wird in der Schweiz eine Frau durch ihren Ehemann, Lebensgefährten, Ex-Partner, Bruder oder Sohn getötet. Die Zahlen zu Femiziden sind erschreckend hoch. «Das ist ein Problem, das wir nicht übersehen dürfen», findet der Aargauische Katholische Frauenbund (AKF) und lädt deshalb am 3. März zum Podium «Femizide Schweiz: Wie lange noch?» ins Bullingerhaus in Aarau ein.
Die SP-Nationalrätin Anna Rosenwasser, Sozialarbeiterin Claudia Wyss, Bereichsleiterin bei der Anlaufstelle Häusliche Gewalt, der stellvertretende Dienstchef der Kriminalpolizei Matthias Boscaini sowie der Zofinger Oberstufen-Schulleiter Daniel Hölzle werden diskutieren. Die Mellingerin Evelyne Wernli, die im Vorstand des AKF ist und dort die Fachgruppe Politik und Gesellschaft leitet, moderiert das Gespräch. Wernli war von Januar 2022 bis Oktober 2023 Stadträtin in Mellingen und für das Ressort Soziales zuständig. Sie erzählt von ihren eigenen und von den Beweggründen des AKF.
◆ Der Aargauische Katholische Frauenbund lädt zu einem Podiumsgespräch zu Femiziden. Weshalb?
Evelyne Wernli: Beim AKF leite ich die Fachgruppe Gesellschaft und Politik. Femizide sollten auch in der Schweiz genauer betrachtet und breiter diskutiert werden. Das geschieht zurzeit auch. So besuchte beispielsweise letztes Jahr eine Schweizer Delegation Spanien, das im Kampf gegen Femizide eine Vorreiterrolle einnimmt.
◆ Welchen Zugang haben Sie persönlich zum Thema?
Mein Interesse an feministischen Themen ist in den letzten Jahren gewachsen. Auch im Zusammenhang mit queeren Menschen. Das sind zum Beispiel Gruppierungen, die viel Gewalt erleben. Ich las Bücher zum Thema, etwa «Jede_Frau» von Agota Lavoyer, wo es um sexualisierte Gewalt geht. Ich verfolge das Thema auch im Fernsehen. Schliesslich wollte ich das Thema Femizid mit dem AKF aufgreifen.
◆ Warum gerade mit dem AKF?
Wir erhalten immer mehr Anrufe.
◆ Welche Art von Anrufen?
Frauen rufen in der Nacht an und sprechen auf unseren Telefonbeantworter. Wir hören und spüren die Sorgen dieser Frauen.
◆ Und dann? Was tun Sie?
Wir rufen die Frauen zurück, müssen aber klarstellen: Der AKF ist keine Anlaufstelle. Wir helfen, indem wir Betroffene an die Anlaufstelle Häusliche Gewalt (AHG) oder an die Polizei weiterleiten, auch an Frauenhäuser, die allerdings konstant überfüllt sind. Mittlerweile finden Betroffene die wichtigsten Informationen zu Hilfsangeboten auch auf unserer Webseite.
◆ Der AKF leistet keine Soforthilfe?
Nein. Wir leiten weiter. Wie vermutlich andere Frauenvereinigungen im Aargau ebenfalls. Möglicherweise haben wir durch unser Podium «Femizide Schweiz: Wie lange noch?» eine neue Sichtbarkeit erhalten. Vielleicht deshalb diese Anrufe? – Wir nehmen die Anrufe ernst, aber das Thema ist sehr komplex und muss professionell weiterverfolgt werden.
◆ Im Aargau gibt es ein Frauenhaus ... ... gemeinsam mit Solothurn. Dort war ich von 2010 bis 2015 Stiftungsrätin. In den letzten zehn Jahren hat sich auch dort die Situation verschärft.
◆ Sie arbeiten bei der Frauenzentrale. Ja, seit einiger Zeit bei der Alimenteninkasso, die sich, wie auch die Anlaufstelle Häusliche Gewalt, unter dem Dach der Frauenzentrale Aargau befindet. Ich nehme dort wahr, wie betroffene Frauen – und auch deren Männer – die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter aufsuchen. ◆ Als Stadträtin waren sie zuständig für das Ressort Soziales. Wurden Sie mit solchen Situationen konfrontiert? Ja. Eines Abends erhielt ich einen Anruf von der Kantonspolizei. Sie mussten in Mellingen eine Frau mit ihren Kindern sofort von ihrem Ehemann trennen. Die Polizei war in grosser Sorge, weil es eine sehr gefährliche Situation war. Gemeinsam mit Stadtpräsidentin Györgyi Schaeffer suchten wir nach einer Notunterkunft. Die einzig mögliche Lösung war schliesslich die Unterbringung in einem Hotel.
◆ Ein sehr schwieriger Moment.
Ja. Fälle von häuslicher Gewalt in Mellingen wurden auch in den Akten der Ratssitzungen aufgeführt unter Mitteilungen. Das heisst, der Stadtrat wurde von der Regionalpolizei über jedes Ausrücken in Kenntnis gesetzt. Das machte mich betroffen. Das Ausmass war mir damals zu wenig bewusst. Zusätzlich sensibilisiert wurde ich durch Lektüre und meine Arbeit bei der Frauenzentrale. – Dieses Jahr wurden in der Schweiz vier oder fünf Frauen durch Femizid getötet.
◆ Bei ihrem Podium über Femizide sitzen Politik, Sozialarbeit, Polizei und Bildung alle an einem Tisch ...
Genau, verschiedene Seiten und eine interessante Gesprächsrunde: die Politikerin Anna Rosenwasser, die Sozialarbeiterin Claudia Wyss, der Polizist Matthias Boscaini und der Schulleiter Daniel Hölzle.
◆ Was dürfen die Gäste erwarten?
Geplant ist eine Art «World-Café» mit den Referentinnen und Referenten. Gäste aus dem Plenum können Fragen und Anregungen anbringen, welche dann weiterverarbeitet werden. Im Anschluss findet ein Podium mit den Rednern statt. Im besten Fall resultiert aus einem Weiterverfolgen des Themas eine Überweisung an die Politik. Ein Schub wäre bitter nötig, denn es steht und fällt mit der Politik.
◆ Ihr erhofft euch einen politischen Vorstoss?
Ja, sicher auf kantonaler Ebene. Das würden wir uns wünschen. Ob es so weit kommt, weiss ich nicht.
Heidi Hess
Podium am 3. März im Bullingersaal, Aarau. Von 18.00 bis 20.30 Uhr, Kosten 20, resp. 30 Franken – Anmeldung erwünscht: info@frauenbund-aargau.ch

