«Wir brauchen Freiheit im Iran – das ist alles»
10.03.2026 MellingenDas Wirts-Ehepaar des Restaurants Vivio stammt aus dem Iran. Es bangt angesichts des Krieges im Heimatland um seine Familie
Saeid und seine Frau Parishad vom Restaurant Vivio erzählen dem «Reussbote», wie es ihnen angesichts des Krieges im Iran geht und was sie von den ...
Das Wirts-Ehepaar des Restaurants Vivio stammt aus dem Iran. Es bangt angesichts des Krieges im Heimatland um seine Familie
Saeid und seine Frau Parishad vom Restaurant Vivio erzählen dem «Reussbote», wie es ihnen angesichts des Krieges im Iran geht und was sie von den Angriffen durch die USA und Israel halten. Was wünschen sie sich für ihre persönliche Zukunft und was für ihr Heimatland?
Saeid und Parishad – wir nennen auf ihren eigenen Wunsch nicht ihren Nachnamen, um sie oder ihre Familie nicht zu gefährden – wirken äusserlich gefasst. Aber man kann ihre innere Anspannung spüren. Immer wieder schaut Parishad während des Gesprächs im Restaurant Vivio nervös auf ihr Handy. Seit einer Woche haben sie nichts von ihren Familien gehört, die beide in Teheran leben. Das Regime hat – wie schon während der Proteste vor einigen Wochen – wieder alle Verbindungen nach aussen gekappt. «Wir wissen nicht, ob sie noch leben», sagt Saeid. Die Ungewissheit sei das Schlimmste, ergänzt Parishad. Sie haben gemischte Gefühle angesichts der Angriffe durch die USA und Israel. Einerseits seien sie froh, dass es eine Chance auf mehr Freiheit in ihrem Land gebe. Andererseits ist da die ständige Angst um Familie und Freunde, die sie seit zwei Jahren nicht persönlich gesehen haben, mit denen sie aber normalerweise regelmässig telefonieren. Normalerweise.
80 Prozent sind gegen das Regime
Die Normalität, die das Paar im Iran erlebt hat, sieht anders aus, als hierzulande, im beschaulichen Mellingen: «Sie können sich das nicht vorstellen, Sie sind in einem freien Land aufgewachsen», sagt Saeid. Er erzählt über den Alltag in einem Land, in dem man dem Gesetz nach zwar frei sei, aber in Wahrheit die Regeln des Regimes, der Mullahs und des Militärs gelten. «Wir sind froh, dass das Regime strauchelt. 80 Prozent des Volkes sind gegen das Regime. Die Leute wollen einfach frei und ohne Probleme leben», betont er. Doch die Kontrolle haben die restlichen 20 Prozent, die dem Regime treu ergeben sind. Oder es sein müssen. Denn wer ein Unternehmen aufbauen will und Geld verdienen, der muss sich zumindest offiziell zu den Machthabern bekennen. Die Hälfte aller Firmen arbeite mit der Regierung oder dem Militär zusammen, erzählen die beiden – so wie auch alle Versicherungsorganisationen. Der Iran sei ein reiches Land, sagt Saeid. Doch das Regime nimmt sich einen grossen Anteil am Kuchen. Autos und andere Dinge seien dreimal so teuer, weil sich die Führungsriege zwei Drittel in die eigene Tasche steckt. Das normale Volk habe jedoch kaum eine Chance, sich zu wehren. «Man hat keine Wahl, wenn man etwas dagegen sagt, landet man im Gefängnis oder man weiss nicht was sonst passiert», beschreibt Saeid die Machtverhältnisse. Offiziell herrsche in dem Land, in dem auch Juden und Christen leben, Religionsfreiheit. «Aber sie dürfen einen Muslim, der zum Christentum konvertiert, töten», berichtet er. Wenn eine Frau den Hidschab, also die traditionelle Kopfbedeckungen der Frauen, abnehme, könne sie ebenfalls bestraft werden. Dass das Regime jeden Widerstand blutig niederschlägt, zeigen auch die Proteste vor einigen Wochen, bei denen laut Saeid allein 30 000 Menschen getötet wurden.
Sie schätzen Freiheit in der Schweiz
Saeid und Parishad leben seit rund vier Jahren in der Schweiz, in Luzern. Sie sind nicht als Flüchtlinge gekommen. Parishad hat kürzlich ihr Studium in Internationalem Tourismus abgeschlossen. Saeid, ausgebildeter IT-Ingenieur und gelernter Koch, arbeitete von Anfang an in der Gastronomie. Beide haben in der Schweiz noch einmal bei Null angefangen. «Wir hatten gute Jobs im Iran», erzählt Parishad, die in ihrem Heimatland für eine Versicherung arbeitete. Sie hätten ein gutes Leben und Geld gehabt, ergänzt ihr Mann. «In der Schweiz ist man frei, man kann über Probleme und Politik sprechen», erklärt Saeid, was er hierzulande besonders schätzt. Auch die Neutralität gegenüber anderen Ländern, war ein Grund, warum sie gerade hierher und nicht in ein anderes europäisches Land kamen. Der Start sei nicht immer einfach gewesen, erzählen die beiden, nun seien sie aber dabei, sich ein neues Leben aufzubauen.
Sie hoffen auf einen Regimewechsel
Mitten im Gespräch hellt sich Parishads Miene plötzlich auf. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, als das Telefon klingelt. Es ist ihre Mutter. Endlich. Die Familie ist in den Norden des Landes geflüchtet, wo es etwas sicherer ist, als in ihrer Heimatstadt Teheran. Dort seien bereits viele Gebäude, an denen Erinnerungen hingen, zerstört worden, erzählen sie und werden wehmütig. Sie schwärmen von der reichen Kultur ihres Landes, die auf eine der ältesten Zivilisationen der Welt zurückgeht. Und über die Poesie der Sprache «Farsi», in der ein Satz wie: «Du bist meine Blume» je nach Betonung eine andere Bedeutung haben kann. Wollen Sie je zurück? Wenn der Iran eines Tages ein freies Land sei, dann ja, so die Antwort. Noch ist die Zukunft ihres Landes ungewiss. «Das Volk allein kann das Regime nicht verändern», so Saeid. Es brauche Hilfe von aussen, wie die der Amerikaner oder Israels. Doch was kommt danach? Im Augenblick sei der Sohn des gestürzten Schahs die beste Wahl als Nachfolger, glauben sie – selbst wenn dies Monarchie bedeuten würde. «Es geht nicht um die Person, wir brauchen Freiheit», betont Saeid. Wenn das Regime wirklich stürzen sollte, braucht es seiner Meinung nach noch mindestens vier Jahre, um Stabilität herzustellen. Saeid und Parishad hoffen, dass der Wechsel so schnell wie möglich passiert und bald wieder Frieden herrscht. Spätestens bis zum persischen Neujahrsfest am 21. März. «Ich hoffe, der Frühling bringt etwas Besseres für den Iran», sagt Saeid zum Abschied.
Michael Lux

