«Wir haben so viel Freude an unserem Reis»
02.10.2026 StettenStetten: Der einzige Bio-Reis nördlich der Alpen kommt aus Stetten – die Ernte fällt dieses Jahr dank der Hitze sehr gut aus
Lukas und Natalie Neuhaus betreiben in Stetten den Hof Wildenau nahe der Reuss und bauen bekanntlich Reis an. Diese Tage wurde geerntet und ...
Stetten: Der einzige Bio-Reis nördlich der Alpen kommt aus Stetten – die Ernte fällt dieses Jahr dank der Hitze sehr gut aus
Lukas und Natalie Neuhaus betreiben in Stetten den Hof Wildenau nahe der Reuss und bauen bekanntlich Reis an. Diese Tage wurde geerntet und gedrescht. Dank Hitzesommer steht eine Rekordernte an.
Der Blick schweift über ein kompaktes Feld, das neben Gewächshäusern, einem Spargelfeld und dem 15 Meter breiten Schutzstreifen zur Reuss liegt. Darauf leuchten reife, hängende gelbe Reisrispen mit eleganten, gebogenen, hohen grünen Büscheln dazwischen. Letztere sind dem Bauern Lukas Neuhaus im idyllisch gelegenen Hof Wildenau zwischen Stetten und Gnadenthal ein Dorn im Auge, denn es handelt sich um ein unerwünschtes Kraut, die Reishirse. Doch der Bio-Bauer und gelernte Agoge ist entspannt: «Wir streben eine friedliche Koexistenz mit unerwünschten Gewächsen an. Nur wenn sie überhandnehmen, greifen wir ein.» Im Fall der Reishirse, dem einzigen Unkraut, das hier zwischen dem Reis wächst, kappt er mit der Heckenschere zuerst die Reishirse und geht danach an die Reisernte – was diese Tage geschah. Wenn nötig, rückt er der Reishirse schon früher im Jahr zu Leibe.
Mit Umsicht gegen Unkraut
Das Unkraut soll andere Aargauer Reisbauern fast zur Verzweiflung und saisonalen Aufgabe eines Reisfeldes gebracht haben. Gibt es ein Geheimrezept des Gemüsebauers, der in Stetten den einzigen Bio-Knospe-Reis nördlich der Alpen produziert? «Wir wohnen gleich nebenan, weshalb ich das Feld täglich genau beobachte und beispielsweise den Wasserspiegel exakt regulieren kann, denn das Wasser ist der beste Schutz gegen unerwünschte Gräser.» Doch die Massnahmen beginnen viel früher, nämlich bei der Bestellung des Feldes, wo er mit einem Laser-Nivelliergerät dafür sorgt, dass die Felder präzise gleichmässig sind, also überall gleichviel Wasser hinkommt. Und falls es mal schwieriger wird, kommt die Motivation zum Tragen: «Wir haben so viel Freude an unserem Reis, dass wir immer eine Lösung finden.» Das gelingt immerhin schon sechs Jahre hintereinander auf einer Hektare mit einer Ernte von rund drei Tonnen Reis, den er innert drei Monaten im Direktverkauf absetzt. Abnehmer sind auch Spitzenrestaurants, deren Namen wir hier nicht verraten wollen. Der Reis liebt dieses heisse Jahr. Lukas Neuhaus rechnet mit einer Rekordernte von vier Tonnen.
Er hat auch keine Wasserprobleme, denn er darf der Reuss Wasser für den Reis entnehmen und tut dabei noch etwas Gutes für die Umwelt. Ein ökologisches Ziel des Kantons Aargau ist nämlich die sogenannte Vernässung von Flächen, damit dieses Wasser den Grundwasserspiegel hebt. Hier kommt das bundeseigene Forschungsinstitut Agroscope ins Spiel: Es begleitet und unterstützt den Nassreisanbau in der Schweiz, weil dadurch seltene Tier- und Pflanzenarten gefördert werden. Die Familie des Bauern bekommt dann den jeweils lautesten und zugleich seltensten Gast oft zu hören: «Abends gibt es oft ein Froschkonzert, darunter ist auch der fast ausgestorbene Laubfrosch, der seine Kollegen gerne übertönt. Und dank unseren weiteren Mitbewohnern wie Libelle und Fledermaus haben wir praktisch keine Stechmücken.»
Der Aargau als Reishochburg
Mit Agroscope hat man auch getüftelt, welche der zahlreichen Reissorten am geeignetsten ist, und landete schliesslich beim schmackhaften Loto-Reis, der sich bereits im grössten Reisanbaugebiet der Schweiz, im Maggia-Delta, im Gutsbetrieb der Familie Anda-Bührle bewährt hat. Im Aargau gibt es rund ein halbes Dutzend Reisanbaubetriebe, die in der IG Aargauer Reis (Argauerreis.ch) zusammenarbeiten und an der Reuss, beim Wasserschloss und in Untersiggental ihre Felder haben. Da die Felder klein sind und auch zusammen nicht annähernd die Grösse des Betriebs im Maggia-Delta erreichen, teilen sich die Bauern wichtige Geräte wie Setzlingsmaschine, Erntemaschinen und eine Reismühle, die alle aus Japan stammen. Ein spannendes Gerät ist die Reismühle, die den Reis nicht etwa mahlt, sondern Resthirse und Verunreinigungen wie auch die Spelzen entfernt sowie die Körner anschleift. «Aber nicht zu fest, denn erstens ist die Hülle nährstoffreich, und zweitens vermittelt der Braunton auch einen Eindruck von Bio», erklärt Neuhaus.
Ruft der Erfolg des Reises nicht nach einer Vergrösserung? Da gibt sich Neuhaus risikobewusst: «Wir sind mit unserem Betrieb im Gemüsebereich diversifiziert und bauen beispielsweise Tomaten, Spargel, Rosenkohl und Ingwer an, die wir täglich ernten und für unsere Kunden rüsten. Wir möchten unsere ausgewogene Palette nicht zugunsten des Reises reduzieren, bei dem man auch schon mal mit einem Totalausfall rechnen muss.» Innovativ sind Lukas und seine Frau Natalie Neuhaus ohne Zweifel und zwar auch, was die Organisation betrifft. Arbeiten doch bei ihnen unter der Anleitung von drei Agogen und Agoginnen rund zehn IV-Bezügerinnen und -bezüger, die an diesem Ort wieder Vertrauen, Zuversicht und die eigenen Arbeitsfähigkeiten entwickeln. Die Wildenau ist ein mehrschichtig diversifizierter Betrieb in einer Umgebung, die so unberührt erscheint, als ob das Agrarland soeben dem Urwald abgerungen worden wäre.
Daniel Aufschläger/zVg

