Marianne Stänz ist Gemeindeammann in Birmenstorf. Die Projektleiterin (lic. oec. publ.) ist Vorstandsmitglied der Frauenzentrale Aargau, Präsidentin des ref. Kirchenchores Birmenstorf und Vorstandsmitglied der Mitte Birmenstorf.
Es fällt mir schwer, mit Menschen ...
Marianne Stänz ist Gemeindeammann in Birmenstorf. Die Projektleiterin (lic. oec. publ.) ist Vorstandsmitglied der Frauenzentrale Aargau, Präsidentin des ref. Kirchenchores Birmenstorf und Vorstandsmitglied der Mitte Birmenstorf.
Es fällt mir schwer, mit Menschen umzugehen, die man im Volksmund als Wutbürger bezeichnet. Jede Gemeinde hat solche, und meine Kolleginnen und Kollegen Gemeinderäte könnten alle dazu Geschichten erzählen. Könnten, dürfen wir aber nicht. Kürzlich stand ich als Parteimitglied an einem Stand der Mitte-Partei und musste mir allerhand anhören. Diese Menschen sind einfach wütend. Wütend, weil sie sich allein gelassen fühlen, weil sie den Politikerinnen und Politikern nicht trauen und weil sie das Gefühl haben, dass andere, vor allem andersartige Menschen, besser wegkommen als sie. Für mich war klar: Könnten diese Leute jetzt grad in Deutschland wählen, dann würden sie die Stimme der AfD geben. Ganz nach dem Motto: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll.
Als Politikerin weiss ich, dass ich es nicht allen Leuten recht machen kann. Ich versuche einfach, für die Gemeinde als Ganzes zu entscheiden und mit dem Gesamt-Gemeinderat die Verantwortung für unsere Mitarbeitenden, die Infrastruktur und die Gemeinschaft zu tragen. Ich tue mein Bestes, um das Vertrauen der Bevölkerung zu verdienen und zu erhalten. In Birmenstorf gelingt uns das recht gut. Bei den Wutbürgern habe ich aber keine Chance. Sachliche Argumente haben keine Chance. Sie glauben das, was sie erzählen, auch wenn es falsch ist. Ich verstehe sogar irgendwie, warum sie so wütend sind, wenn sie an diese Fehlinformationen glauben. Ausserdem fühlen sie sich mit ihren Geldnöten und ihrem Kampf um ein würdiges Leben nicht wahrgenommen. Sie sind der Meinung, dass der Staat den Ausländern und den Flüchtlingen zu viel Aufmerksamkeit schenken und vor allem zu viel Steuergeld für «die Anderen» ausgeben. Ich glaube, das ist der Mix, der die Menschen zu den Protestparteien treibt: Misstrauen gegen die Politik, Ohnmacht gegenüber dem System, das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden und dass andere besser wegkommen als sie. Irgendwie tun mir die wütenden Menschen leid.
Es gibt sie auch in der Schweiz, auch wenn wir sie selten antreffen, weil sie nicht an die Gemeindeanlässe kommen. Da wir in der Schweiz auf allen Staatsebenen mit einem Parteien-Mix «regieren», haben wir Politikerinnen und Politiker etwas mehr Glaubwürdigkeit und Vertrauen als im Ausland. Wir, welche die Politik gestalten, haben die Verantwortung für alle, auch für jene, die uns ablehnen. Wir machen das Beste draus.