Mellingen: Besuch im naturnahen Garten des Ehepaars Feller, der von Pro Natura mit zwei Schmetterlingen ausgezeichnet wurde
Dieser Garten ist «kein Garten aus dem Hochglanzmagazin». An der Bahnhofstrasse 14 gedeihen heimische Wildpflanzen, Wildhecken, Kompost, Totholz ...
Mellingen: Besuch im naturnahen Garten des Ehepaars Feller, der von Pro Natura mit zwei Schmetterlingen ausgezeichnet wurde
Dieser Garten ist «kein Garten aus dem Hochglanzmagazin». An der Bahnhofstrasse 14 gedeihen heimische Wildpflanzen, Wildhecken, Kompost, Totholz und Steinhaufen. Und auch der Ameisenlöwe stellt hier Fallen.
Der Garten von Susanne und Röbi Feller ist «kein ordentlicher Garten». Asthaufen liegen unter Bäumen. Zwischen Steinplatten wächst Gras und Moos. Es wuchert auf allen Grünflächen: Hier gedeihen Akeleien, Pfefferminz, Rosmarin, Schachtelhalm, Wegwarten und vieles mehr, wild nebeneinander, wie es den Pflanzen passt. «Nach den letzten Regentagen schiesst die Vegetation jetzt in die Höhe», erklärte Röbi Feller am Pfingstwochenende. Das bestätigen die Besucherinnen und Besucher, die den 100-jährigen Garten an der Mellinger Bahnhofstrasse 14 betreten.
Hier summen aber auch Insekten, Bienen in den Himbeeren und beim Schopf im hinteren Teil des Gartens leben sogar Ameisenlöwen. Einen Löwen mit Mähne findet man dort nicht, sehr wohl aber einen Jäger. Davon zeugen die kleinen Trichter, welche dieses Insekt in den lockeren Sand geformt hat. Unten im Sandtrichter hat sich der Ameisenlöwe versteckt und wartet darauf, dass sich eine Ameise in seine Falle verirrt. Dann packt er zu.
Das Label «Schmetterlingsgarten»
Das Ehepaar Feller, das seit 40 Jahren hier lebt, hatte seinen Privatgarten im Rahmen der «Offenen Schmetterlingsgärten» drei Nachmittage lang allen zugänglich gemacht. Seit vergangenem Jahr dürfen die Fellers nämlich das Label «Schmetterlingsgarten» führen. Zertifiziert wurden sie von Pro Natura, weil die naturnahe Gestaltung und Pflege dieses Gartens dafür sorgt, dass einheimische Tiere und Pflanzen hier ein Zuhause finden.
Nicht alle schätzen diese Vielfalt. Die Fellers mussten Konflikte austragen und Kompromisse eingehen, weil der Besitzer des Nachbargartens andere Vorstellungen vertrat. Feller räumt ein, einen solchen naturnahen, wilden Garten müsse man aushalten können. «Unser Garten gleicht nicht immer einem Garten aus dem Hochglanzmagazin.» Auch seine Frau und er würden deshalb manchmal an ihre Grenzen stossen. Etwa wenn die Schachtelhalme überhand nehmen. Die reisse er schon mal aus, sagt Röbi Feller. Und seine Frau stört es, wenn beim Kiesweg zuviel Unkraut und Moos zwischen den Steinen wächst: «Dann wird gejätet». Beide lachen. Dieses bisschen Pflege ihres Naturgartens tragen sie mit Humor und in gegenseitiger Toleranz.
Denn für ihren naturnahen Schmetterlingsgarten, in dem einheimische Pflanzen wachsen und wo keine Spritzmittel verwendet werden, stehen letztlich beide ein.
Am Anfang waren die Schildkröten
Schuld am heutigen Zustand ihres Gartens waren die Landschildkröten. 40 Jahre lang krochen sie in ansehnlicher Zahl durch drei grosszügige Gehege. «Vieles, was in unserem Garten wuchs, frassen auch unsere Schildkröten», sagt Röbi Feller. Pflanzenschutzmittel seien deshalb nie zur Diskussion gestanden. Das förderte die naturnahe Entwicklung des Gartens. Inzwischen wurden die Schildkröten an Nichten und Neffen weitergegeben. Die Fellers streuten stattdessen Wandkies und Mergel. «Dann liessen wir alles wachsen.» Sogar eine Orchidee hat mittlerweile in ihrem Garten ein Plätzchen gefunden. Und die Tiere kommen: Amsel, Ameisenlöwe, Bienen, Buntspecht, Dachs, Girlitz, Hausrotschwanz, Igel, Schwalbenschwanz, Tagpfauenauge oder Wildbienen, um einige zu nennen.
Auch Umweltingenieurin Nastassia Metz, die im Projekt «bonjour Nature» von Pro Natura mitarbeitet, interessiert sich für den Garten von Susanne und Robert Feller. Ihr fällt sofort die Weisse Graslilie auf. «Heimische Wildpflanzen sind wichtig für die Biodiversität, weil sie viele Tiere und Insekten anlocken», erklärt sie. Ebenso die Wildhecken. Röbi Feller zählt neben Ahorn, Weissen Schneeball, Hartriegel, roter Hasel, auch Eibe auf.
Weil seit 2017 die Grünflächen in städtischen Gebieten jährlich um rund ein Prozent schrumpfen, ist auch in Privatgärten der Handlungsbedarf gross. Es ist umso wichtiger, bestehende Grünflächen ökologisch aufzuwerten und besser miteinander zu vernetzen.
Heidi Hess