Per Zufall traf ich ihn kürzlich wieder einmal, meinen Sportsfreund Rico, den bekannten Geschichtenerzähler. Und er liess sich nicht lumpen. Diese Geschichte ist mir also einfach zugefallen, und sie geht so: Hauptperson ist Ricos Lieblingsnachbar, der im Block neben ihm auf gleicher ...
Per Zufall traf ich ihn kürzlich wieder einmal, meinen Sportsfreund Rico, den bekannten Geschichtenerzähler. Und er liess sich nicht lumpen. Diese Geschichte ist mir also einfach zugefallen, und sie geht so: Hauptperson ist Ricos Lieblingsnachbar, der im Block neben ihm auf gleicher Stockwerkhöhe wohnt. «Nur wer so wohnt, weiss, wie nahe man sich dabei kommt: Quasi Balkon an Balkon. Abstand, sagen wir, knapp zehn Meter, verdammt nahe also. Vor allem in einem solch heissen Sommer wie heuer», schilderte Rico. Was ich bald merkte: Mit «Lieblingsnachbarn» meinte Rico natürlich das Gegenteil. «Horrornachbar» wäre passender. Einer, der auf dem Balkon alles Mögliche veranstaltet, nur nichts Geräuschloses. «Weisst du, Jean», ereiferte sich Rico, «ich bin ja auch kein Kind von Traurigkeit. Ich habe es gern lustig und geniesse lange Abende mit Freunden. Aber der Balkontyp kennt jetzt gar keine Grenzen. Laute Musik hören, mitschreien, stundenlanges, ohrenbetäubendes Diskutieren, praktisch jeden Abend. Oft auf der Dezibel-Skala bei circa 85.» Meinen fragenden Blick beantwortete Rico sofort: «Liegt etwa zwischen Rasenmäher und Kreissäge.»
Selten habe ich Rico so enerviert erlebt, und am Schluss setzte er noch einen drauf: «Das einzig Gute ist, dass ich jeweils sofort höre, wenn er nach der Arbeit nach Hause kommt. Da kann ich mich schon mal auf das Spektakel einstellen. Die Einfahrt zur Tiefgarage liegt genau unter unseren Wohnungen. Während sich das Garagentor öffnet, lässt er den Motor seines schwarzen Porsches noch ein paarmal röhren. Ungefähr 100 Dezibel.»
Jean