Prism, das war Tanzfieber in Turnhallen
08.05.2020 Fislisbach, Region Reusstal, NiederrohrdorfIn den 1980er-Jahren sorgten die Macher der Wanderdisco Prism für Furore. Wenn sie zu ihrer legendären Disco riefen, waren die Parkplätze mit Töffli belegt. Stammlokal war die Turnhalle in Fislisbach, später kamen weitere Lokale dazu. Selbst im ehemaligen Niederrohrdorfer ...
In den 1980er-Jahren sorgten die Macher der Wanderdisco Prism für Furore. Wenn sie zu ihrer legendären Disco riefen, waren die Parkplätze mit Töffli belegt. Stammlokal war die Turnhalle in Fislisbach, später kamen weitere Lokale dazu. Selbst im ehemaligen Niederrohrdorfer Jugendzentrum (NJZ) kam es Ende 1981 in kleinerem Rahmen zu Veranstaltungen. Im Oktober 1988 feierte die Prism-Crew Abschied von ihrer legendären Party. Was sie damals nicht wussten: Ihre Zeit wird wieder kommen. Vor einigen Jahren kam es zu einem Revival, wieder sind die Säle voll. Altbekannte Gesichter, 800 bis 1000 Leute tanzen noch heute, wenn Roli Isler als DJ Prism am Mischpult steht und Songs von damals auflegt. Geplant war auch eine Feier zum 40. Geburtstag von Prism, diese wird jetzt wegen Corona
Im Tanz- und Töffli-Fieber mit der Disco Prism
Töfflikarawanen waren unterwegs, die Turnhallen waren voll, wenn die Wanderdisco ins Dorf kam. Mit Musik aus Amerika, England oder Italien waren die Prism-DJs immer einen Schritt voraus und setzten die Trends im Tal.
Passion» von The Flirts, «Happy Children» von P. Lion, «West End Girls» von Pet Shop Boys oder «Billie Jean» von Michael Jackson – wenn Roli Isler solche Songs auflegte, ging in der Wanderdisco Prism (prismparty.theprism.ch) die Post ab. «Die Songs mussten brandneu sein», sagt Roli Isler. Spielte er ein Stück, das nicht pressfrisch war, habe das Publikum schnell mal beanstandet, das Stück sei zu alt. Dabei waren die Platten, zu welchen man im Prism tanzte, bis dahin oft weder im Radio, geschweige denn in der Hitparade zu hören und auch in den grossen Plattenläden standen sie noch nicht zum Verkauf. «Unser Publikum hat es einfach immer sehr geschätzt, dass es bei uns die allerneusten Songs zu hören bekam», erklärt der DJ. Deswegen seien sie gekommen.
Turnhallenböden abkleben
Der Niederrohrdorfer Isler, der Ende der 1970er-Jahre eine Lehre als Elektrozeichner absolvierte, verbrachte einen grossen Teil seiner Freizeit in ausgesuchten Plattengeschäften, hörte sich durch Stapel neuer Songs auf Vinyl: Etwa im «Zero Zero» in Baden oder in Zürich im «Music-Market», bei Eschenmoser oder bei «Importmusic». Diese Läden importierten direkt aus dem Ausland, aus Amerika, England, Italien. Isler investierte fast seinen ganzen Lehrlingslohn in den Kauf brandneuer Scheiben: «In den 1980er-Jahren kamen ständig neue Stilrichtungen dazu, wir waren immer einen Schritt voraus.» Mit den Einnahmen aus der Disco zahlten er und seine Kollegen die Hallenmiete und finanzierten die Musik- und Lichtanlagen. Die gesamte Technik lagerte im Estrich von Roli Isler. Sie musste jedes Mal mit einem Lieferwagen abgeholt und in den Hallen, deren Böden zuvor mühselig abgeklebt worden waren, aufgebaut werden. Ein ganzes Team freiwilliger Helferinnen und Helfer packte an, weil es Spass machte und cool war.
Zu Hunderten auf dem Töffli
Die «Prism»-Organisatoren schienen den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Ende der 1970er-Jahre schwappte die Disco-Welle in die Schweiz über. Im Reusstal machten sich junge Frauen und Männer aus den Dörfern der Region auf den Weg. Zu Hunderten. Sie knatterten am Samstagabend mit dem Töffli zu den Jugendzentren oder zu Turnhallen in den Nachbargemeinden, etwa in Niederrohrdorf oder in Fislisbach. Das war längst nicht überall gern gesehen: Die Motorfahrräder waren laut, machten Lärm. Es störte wenn die Mofas am Samstagabend vor den Lokalen geparkt wurden. Es störte noch viel mehr, wenn alle um Mitternacht – in ausgelassener Stimmung – wieder nach Hause fuhren. Dabei war noch nicht mal Alkohol im Spiel. Ausgeschenkt wurde in der Disco für 50 Rappen lediglich Mineral im Becher. «Wir mussten ausserdem den Konsum von Drogen verhindern», sagt Isler. «Wer mit einem Joint erwischt wurde, wurde von uns vor die Tür gestellt.» Alles andere hätte den Ruf geschädigt, sagt er. Sie hätten den Verlust der Lokale riskiert.
In Fislisbach erhielt die «Prism»-Crew Unterstützung von einem Gemeinderat; die Turnhalle Leematten wurde zum Stammlokal der Wanderdisco. An Samstagabenden von 20 bis 24 Uhr wurde auch in Baden im Martinsberg, in der Aula der Kanti, in der Aue oder im Kursaal, sowie im Tägi in Wettingen oder im Casino in Bremgarten aufgelegt und getanzt. Selbst im Niederrohrdorfer Jugendzentrum (NJZ), das Platz für rund 150 Leute bot, kam es Ende 1981 im kleineren Rahmen zu Veranstaltungen der Disco Prism. «Das war eine Marketingaktion, um das NJZ wieder aufleben zu lassen», sagt der Niederrohrdorfer Isler. Er und seine Kollegen hätten den Jugendtreff mit Discobetrieb dann erfolgreich weiter geführt.
«Slow»-Blöcke waren immer dabei
Am 19. Oktober 1985 feierte «Prism» den fünften Geburtstag (siehe Plakat rechts). Eine legendäre Party: 1200 junge Menschen feierten in Fislisbach mit. «Die Stimmung», sagt der heute 58-Jährige, «war von Anfang an super.» Zwei «Slow»-Blöcke gehörten stets zu den Disco-Blöcken und fast immer war «Maria Magdalena» von Trigo Limpio dabei. Die langsamen Songs seien wichtig gewesen. Mancher, erzählt Isler, wollte vom DJ informiert werden, wenn ein «Slow»- Block kam, um – ganz zufällig – im richtigen Moment neben dem richtigen Mädchen zu stehen. «Es bildeten sich dort Paare, die sind heute noch zusammen.»
Ende der 1980er-Jahre aber war das «Prism»-Feuer verglüht. Musikkanäle wie MTV zeigten mehr und mehr Videos: «zuschauen wurde spannender als tanzen», meint Roli Isler. Die letzte Party stieg am 8. Oktober 1988. Vor einigen Jahren kam es zum Revival, wieder sind die Säle voll. Altbekannte Gesichter, 800 bis 1000 Leute tanzen noch heute, wenn DJ Prism am Mischpult steht und Songs von damals auflegt. Eigentlich hätte nun dieses Jahr am 26. September jubiliert werden sollen. Coronabedingt wurde die Party verschoben: Der 40. Geburtstag von Prism wird erst am 25. September 2021 gefeiert. Das dauert. Deshalb will Roli Isler schon früher eine weitere Party planen.
Heidi Hess





