Der leise Abschied eines «Schiri»-Urgesteins
04.12.2020 Sport, FussballHansjörg Schulthess vom FC Fislisbach war während 40 Jahren als Schiedsrichter unterwegs
Für ein Abschiedsspiel hat es wegen Corona nicht mehr gereicht. Aber immerhin konnte Hansjörg Schulthess von AFV-Präsident Luigi Ponte noch offiziell geehrt werden. Ponte kam ...
Hansjörg Schulthess vom FC Fislisbach war während 40 Jahren als Schiedsrichter unterwegs
Für ein Abschiedsspiel hat es wegen Corona nicht mehr gereicht. Aber immerhin konnte Hansjörg Schulthess von AFV-Präsident Luigi Ponte noch offiziell geehrt werden. Ponte kam eigens auf den Sportplatz Esp, um Schulthess Danke zu sagen. Danke für 40 Jahre Engagement als Schiedsrichter. Dabei wollte Schulthess schon in den Anfängen als «Schiri» die Pfeife wegschmeissen.
Es war ein trister Herbstabend auf dem Esp. Und die letzte Gelegenheit in diesem Jahr, um Hansjörg Schulthess offiziell als Schiedsrichter zu verabschieden, bevor die Meisterschaft wegen der Corona-Beschränkungen vorzeitig unterbrochen wurde. Hansjörg Schulthess ist für diesen Anlass noch einmal in den offiziellen Schiedsrichterdress geschlüpft.
Vor dem Anpfiff des letzten 2.-Liga-Meisterschaftsspiels vor dem Meisterschaftsunterbruch zwischen dem FC Fislisbach und Gontenschwil reihten sich die beiden Mannschaften links und rechts vor dem Clubhaus auf. AFV-Präsident Luigi Ponte, der eigens nach Fislisbach geeilt war, um seinen langjährigen Schiedsrichterkollegen zu verabschieden, bedankte sich bei einsetzendem Starkregen im Namen des Aargauischen Fussballverbandes und überreichte Schulthess zum Abschied einen offiziellen Verbandswimpel. Platzspeaker Andreas Thurnbichler würdigte Schulthess über Lautsprecher mit warmen Worten. Die spärlich erschienenen Zuschauer auf der Clubhaus-Terrasse spendeten höflich Applaus. Noch ein letztes Foto unter dem Vordach des Garderobengebäudes. Damit war die Schiedsrichterkarriere von Hansjörg Schulthess auch offiziell beendet.
Er begann in einer privaten Liga
Seine Geschichte aber bleibt. Die begann in Zürich. Dort spielte Hansjörg Schulthess beim FC Pestalozzi im Firmenfussball. Ein gewisser Stephan Dossenbach, der damals in der 1. Liga pfiff, animierte Schulthess, es doch auch mal als Schiedsrichter zu versuchen. Schulthess, der beruflich sein Leben lang als Lkw-Fahrer tätig war, wagte den Versuch. Er kaufte sich ein schwarzes Hemd, eine kurze schwarze Hose und schwarze Kniesocken.
Seine Karriere als Unparteiischer begann der heute 64-Jährige in der privaten Fussballvereinigung Limmattal, die eine eigene Meisterschaft austrug. Einen Schiedsrichterkurs brauchte er dazu nicht. Erst als er zum offiziellen Zürcher Fussballverband wechselte musste er einen Kurs absolvieren. Wie üblich, begann er als Jungschiedsrichter mit der Leitung von Juniorenspielen. Offenbar zeigte Schulthess ein gewisses Talent. Jedenfalls stieg er innerhalb weniger Jahre auf, pfiff schon bald 2.-Ligaspiele.
Spielabbruch in Wädenswil
Dabei hätte er schon früh die Pfeife am liebsten weggeworfen. Es war an einem Sonntagmorgen in Wädenswil. Schulthess war zum 4.-Liga-Derby zwischen dem FC Wädenswil und Thalwil aufgeboten. Nach sechs Gelben Karten wollte er eine weitere ziehen. Doch der betroffene Spieler rastete aus und ging mit den Fäusten auf Schulthess los. «Ich konnte gerade noch ausweichen. Dabei stolperte ich über das Bein eines hinter mir stehenden Spielers. Ich ging zu Boden. Da blieb mir nichts anderes übrig, als das Spiel abzubrechen», erinnert sich Schulthess. «Ich wurde von Spielern bis in die Garderobe verfolgt. Wenn mich die Thalwiler Spieler nicht beschützt hätten, ich weiss nicht, wie die Geschichte ausgegangen wäre. Nach dem Duschen begleiteten mich die Thalwiler Spieler in ihren Autos bis auf die Autobahn. Die Wädenswiler Mannschaft wurde darauf vom Verband ausgeschlossen.» Ein zweites Mal wollte Schulthess die Pfeife wegwerfen, als er von einem Inspizienten, der ihn nach einem Spiel gelobt hatte, schlecht benotet wurde. «Dabei hatte ich selbst das Gefühl, mein bis dahin bestes Spiel gepfiffen zu haben.» Die schlechte Benotung führte dazu, dass Schulthess ein weiteres Jahr auf die Beförderung zum 2.-Liga-Schiedsrichter warten musste. «Ich hätte heulen können. Wäre meine damalige Freundin nicht gewesen, ich hätte den Bettel wohl hingeschmissen.»
Aufstieg bis in die höchste Liga
Aber Schulthess machte weiter. Heute sieht er die damaligen Erfahrungen als positiv. «Sie haben mich geprägt und auch gestärkt.» Vor rund 30 Jahren zog Schulthess von Zürich um nach Fislisbach, wo er sich dem FC Fislisbach anschloss. Die waren froh, einen erfahrenen Schiedsrichter in ihren Reihen zu wissen. Schulthess stand in jener Zeit als Schiedsrichter- Assistent in der 1. Liga an der Seitenlinie und stieg in den Folgejahren bis in die höchste Spielklasse auf. Während vier Jahren war er als Schiedsrichter-Instruktor im damals neu aufkommenden Hallenfussball (Futsal) tätig. Und er war Schiedsrichter-Obmann beim FC Fislisbach. Nebenbei spielte er noch bei den Senioren des FC Fislisbach.
1000 Spiele oder mehr
Bis zum Lockdwon im Frühjahr war Schulthess mehr als 40 Jahre als «Schiri» landauf und landab unterwegs. Zuletzt pfiff er noch Seniorenspiele. Wie viele Spiele er insgesamt bestritten hat, kann das «Schiri»-Urgestein nicht sagen. Noch nicht. Er ist nämlich dabei, die «Buchhaltung» zu bereinigen. «Aber es dürften so gegen eintausend Spiele gewesen sein oder auch noch einige mehr. In meiner besten Zeit habe ich zeitweise zwei bis drei Spiele pro Woche gepfiffen.»
Der Vater zweier erwachsener Kinder lebt mit seiner Partnerin Susanne Zürcher, die das Restaurant Central in Stetten führt, in Wohlenschwil. Nächstes Jahr geht er in Pension. Auf den Fussballplätzen wird er auch in Zukunft noch anzutreffen sein. Allerdings nur noch als stiller Beobachter und Geniesser.
Beat Gomes






