Christoph Flory: «Eindrücklich, fast paradiesisch»
02.07.2021 Niederwil, Freiamt, TägerigWie wird Biodiversität gefördert? Christoph Flory erzählt, wie Kulturland zur Blumenwiese und zum Froschteich wird
Es war ein Reden, Ringen und ein Tauschen von Land. Und danach wurde das Stück Kulturland zu einem Juwel für Artenvielfalt. Heute sind Blumen, ...
Wie wird Biodiversität gefördert? Christoph Flory erzählt, wie Kulturland zur Blumenwiese und zum Froschteich wird
Es war ein Reden, Ringen und ein Tauschen von Land. Und danach wurde das Stück Kulturland zu einem Juwel für Artenvielfalt. Heute sind Blumen, Wasserbüffel und Kröten einen Spaziergang wert.
Christoph Flory, aufgewachsen in Niederwil, steht auf dem Kleinzelgweg in Tägerig. Vor ihm erstreckt sich Richtung Niederwil ein Stück Land, das sowohl dem Naturschutz untersteht als auch landwirtschaftlich genutzt wird. «Dort hinten», sagt der Biologe und zeigt zur Gemeindegrenze, «weiden Wasserbüffel.» Einst war das Gebiet ein Moor. Von Büschikon her fliesst der Heubeeribergbach durch den Wald und verwandelt die Fläche immer wieder in Schwemmgebiet. Mittels Drainagen wurde dieses Gebiet vor vielen Jahrzehnten für die Landwirtschaft nutzbar gemacht. Bis es, vor gut zehn Jahren, im Rahmen der Tägeriger Güterregulierung, renaturiert wurde.
Christoph Flory, Vorstandsmitglied bei Pro Natura Schweiz und Pro Natura Aargau, sowie Stiftungsrat bei der Stiftung Reusstal, schlug für das Gespräch dieses Gebiet vor, weil es besonders schön zeigt, wie Naturschutz und Landwirtschaft ineinander greifen. Die wenigen Hektaren nützen der Artenvielfalt, sie sind Weideland und Augenweide. Kein Wunder sind Jüngere und Ältere an diesem Morgen mit Hund, Walkingstöcken oder Velo auf dem Kleinzelgweg unterwegs.
◆ Eine Mehrheit hat die beiden Agrarinitiativen abgelehnt, die auch Biodiversität fördern sollten. Ist das Nein eine Niederlage für den Naturschutz?
Die Abstimmung sollten wir als Chance sehen. Wir müssen etwas ändern. Bäuerinnen, Bauern, Politikerinnen und Konsumenten wissen das. Von verschiedenen Seiten wurde ich seither kontaktiert, mit dem Ziel, gemeinsam Projekte aufzugleisen.
◆ Gemeinsame Projekte?
Ja. Das hier ist ein gutes Beispiel: Biodiversität kann überall stattfinden. Vor 100 Jahren liess die Bewirtschaftung Platz für Artenvielfalt: Verändert hat sich das mit der Mechanisierung, der Industrialisierung, mit Spritzmitteln und Intensivierung. Leider.
◆ Es braucht fliessendere Übergänge?
Nötig ist eine extensivere Bewirtschaftung. Sinnvolles Düngen ist zulässig, auch nötig. Die Fruchtbarkeit soll nicht abnehmen. Die Landwirtschaft erfuhr – auch unter dem Kostendruck – eine starke Intensivierung: Ein Landwirt will produzieren, ist stolz auf seine Produkte. Verständlicherweise. Längst aber sind Grenzen überschritten.
◆ Das heisst?
Vor drei Jahren hielt ich mich länger in Polen auf. Dort strotzen die Getreidefelder von Beikräutern, Kornrade, Kornblume, Ackerrittersporn – ich sage bewusst nicht Unkraut. Solche Blumen sind auf unseren Feldern ausgestorben. Dennoch wird auch in Polen unter modernen Bedingungen Getreide angebaut, mit riesigen Traktoren – aber weiter auseinander gesät. Hier hat es zwischen den Halmen oft kaum Platz für eine Hand. Wie soll da ein Hase durchhoppeln oder eine Feldlerche ihr Nest bauen? Natürlich hat das auch mit Selbstversorgung zu tun... Aber ohne Not die Zitrone auspressen? Nachhaltigkeit ist wichtig.
◆ So, wie hier?
Genau. Hier weiden Wasserbüffel, die Büffel werden gemolken, aus der Milch wird Büffelmozzarella produziert; und die jungen Rinder werden geschlachtet. Das ist letztlich sehr nachhaltige, artgerechte Produktion.
◆ Und sie zeigt: Bewirtschaftung ist auch im Naturschutzgebiet möglich.
Das ist kein Totalreservat. Ohne extensive Weide hätten wir hier in zehn Jahren jungen Wald, Dschungel. Ein Pächter kümmert sich um die wenigen Tiere, die sich stets auf einer jeweils begrenzten Weidefläche aufhalten. Die Wasserbüffel sollen nicht alles gleichzeitig abfressen. Hier darf etwas stehen bleiben und blühen. Das erzeugt Dynamik. Weil es zu nass ist, ist Mähen in diesem Gebiet schwierig und die harten Binsen oder Seggen sind als Futtermasse kaum brauchbar. Wasserbüffel aber fressen und verdauen auch dieses zähe Zeug. Hinzu kommt, dass sich ein Wasserbüffel, wenn es feucht ist, auch mal wälzt und so die Landschaft gestaltet.
◆ Sie sind fasziniert. Normalerweise gestalten Sie solche Gewässer mit dem Bagger? Wie vor einigen Wochen in Sulz für den Laubfrosch.
Ja. So etwas entsteht kaum noch auf natürlichem Weg. Das hier ist ein Idealfall. Das Tier, ein Nutztier in diesem Fall, übernimmt die Gestaltung. Das macht als Wildtier übrigens auch der Biber. Er gestaltet Auen.
◆ Wie kam es zu diesem Glücksfall?
In Tägerig kam es zu einer Güterregulierung, zu einer Melioration. Abgeschlossen wurde diese Regulierung vor rund zehn Jahren.
◆ Und Sie waren involviert?
Gemeinsam mit dem Natur- und Vogelschutzverein in Tägerig. Solche grossen Projekte können lokale Vereine kaum alleine abwickeln. Bei einer Güterregulierung wird eine Genossenschaft gegründet mit Vertretern der Gemeinde und Bauern, involviert sind auch das kantonale Meliorationsamt und ein Planungsbüro.
◆ Und Tägerig erhielt dieses Naturschutzgebiet?
Ja. Bei einer Regulierung – das ist der Vorteil – wird Land in einen «Topf» gelegt und neu verteilt. Fest stand, dass beim Bächlein im Gebiet Büschikon etwas unternommen werden musste: Dieses Rinnsal führte kaum Wasser, bei heftigem Regen aber kann es so anschwellen, dass eine Flutwelle entsteht. Der Bach wurde daraufhin ausgedolt. Zunächst war auf den ersten zwanzig Metern ein Rückhaltebecken und ein Mikro-Feuchtgebiet geplant.
◆ Da kamen Sie auf den Plan?
Ja, es kam zur Diskussion, durchaus hitzig, mit roten Köpfen, was nicht unüblich ist. Der Naturschutz musste erklären, dass hier nicht nur ein neues Naturschutzgebiet entsteht, sondern auch ein Naherholungsgebiet. Die Regulierung ist ein Jahrhundertwerk – und Tägerig hat noch drei Bauern. Letztlich kostete diese Regulierung im Landwirtschaftsgebiet Tägerig 6 Mio. Franken. 90 Prozent davon bezahlt der Staat. Und da sollte es nicht gelingen mit so viel Geld, etwas für viele Menschen zu schaffen?
◆ Wo lag denn das Problem?
Der Bach sollte den Waldrand entlang geführt werden, um möglichst wenig Kulturland zu verlieren. Im Gespräch reifte schliesslich die Erkenntnis, dass die Schutzzone vergrössert werden muss, mehr Schwemmgebiet nötig ist. Gleichzeitig meinten Landwirtschaftsvertreter, es mangle an Land. Wir wurden aufgefordert, Kulturland zu finden. Realersatz war nötig, um handelseinig zu werden. Das ist eine gängige Methode, nicht nobelpreisträchtig. Aber man muss es halt machen, Pläne studieren, Landeigentümer kontaktieren, verhandeln...
◆ ...das heisst?
In Tägerig war es wegen der Güterregulierung einfacher. Komplizierter war es in Niederwil: Es gelang aber, eine Parzelle zu erwerben und abzutauschen, die sich in Lage und Grösse eignete. Heute ist das Naturschutzgebiet 2,5 Hektaren gross und gehört Pro Natura.
◆ Gross genug?
Ja, viele Naturschutzgebiete sind kleiner. Biodiversität aber braucht eine gewisse Grösse.
◆ Wie gross ist gross genug?
Das hängt vom Lebensraum ab. Eine Aue, die vom Fluss überschwemmt werden soll, braucht Fläche. Generell aber macht ein Gebiet, das kleiner ist als eine Hektare kaum noch Sinn. Kleinstrukturen wie Ast- oder Steinhaufen, Ackerrandstreifen oder Gebüsche können kleiner sein.
◆ Sind solche Begegnungen typisch? 98 Prozent der Gespräche verlaufen genau so. Die Leute beobachten sehr genau, auch kritisch. Das ist, gerade bei Tieren, richtig. Und die Menschen freuen sich an der Vielfalt im Naturschutzgebiet.
Heidi Hess
An diesem Morgen entdeckt Christoph Flory tatsächlich eine Landschaftsveränderung: Breit sucht sich das Bächlein seinen Weg und wird unvermittelt zum Tümpel. Flory bleibt stehen, sieht die Pfütze und staunt über das Werk der Wasserbüffel. «Eindrücklich», sagt er, «fast paradiesisch.» Plötzlich fällt auf, wie es auf der Wiese wimmelt, überall hüpft. Der Biologe bückt sich: «Junge Frösche.» Als er einen in die Hand nimmt, präzisiert er: «Erdkröten.» Und er erklärt den «Froschregen», kurz nach der Metamorphose, wenn aus Kaulquappen winzige Frösche werden. Es ist ein Paradebeispiel für Artenvielfalt: Auch Störche auf Nahrungssuche wurden hier schon gesichtet.
Ein Mann mit Hund bleibt stehen und erkundigt sich wegen der Wasserbüffel. Es gefalle ihm, diese besonderen Weidetiere zu beobachten. Er erzählt daraufhin, dass die Büffel an heissen Tagen morgens fast komplett in den Tümpeln lägen und sich mit dem Schwanz zusätzlich bespritzten. – Ein wunderbares Bild, sagt er. «Die suchen die Abkühlung», entgegnet Flory und lacht.



