Sie suchen das ultimative Abenteuer auf See
02.07.2021 SportHans Stoller aus Mellingen unterstützt als Team-Manager Topsegler Beat Fankhauser auf dem Weg zur «Vendée Globe 2024»
Sie nennen ihn «The Mountain Man». Der Mann aus den Bergen. Beat Fankhauser aus dem Aargau. Ein Mann, der die Weltmeere besegelt. Jetzt will er ...
Hans Stoller aus Mellingen unterstützt als Team-Manager Topsegler Beat Fankhauser auf dem Weg zur «Vendée Globe 2024»
Sie nennen ihn «The Mountain Man». Der Mann aus den Bergen. Beat Fankhauser aus dem Aargau. Ein Mann, der die Weltmeere besegelt. Jetzt will er ganz hoch hinaus. Er will bei der der nächsten «Vendée Globe», rund um den Erdball, dabei sein. Mit im Boot ist einer aus Mellingen. Hans Stoller, Fankhausers Team-Manager. Die beiden haben gut lachen.
Beat Fankhauser und Hans Stoller stehen auf dem Städtlisteg in Mellingen in der Sonne. Unter sich die viel Wasser führende Reuss. Hinter sich die Kulisse der historischen Altstadt. Ein Symbolbild. Die Reuss als Zubringer von Wasser aus den Bergen, das via Aare und Rhein in Holland ins Meer fliesst. Mellingen mit direktem Meeranschluss. «Ein guter Gedanke», sagt Fankhauser mit breitem Lachen. Der Seebär aus Würenlingen trägt ein kurzärmliges, weisses T-Shirt mit dem Schriftzug «Beat Fankhauser Racing». Rechts daneben die Aufschrift «The Mountain Man», untermalt mit den Länderwappen Schweiz und Österreich. In Fankhausers Brust schlagen zwei Herzen. Er ist in der Schweiz aufgewachsen. Trub im Kanton Bern ist sein Heimatort. Weil seine Mutter in jungen Jahren, in zweiter Ehe verheiratet, mit ihrem Filius nach Österreich umsiedelte, spricht er neben Berndeutsch auch Tiroler Dialekt. Aber ganz klar: «Mein Herz schlägt für die Schweiz», beseitigt er allfällige Missverständnisse. Für die Schweiz will er denn auch an die Tradition grosser Segelerfolge anknüpfen. Erinnert sei an die Alinghi, die mit ihrem Sieg im «America’s Cup» die Schweiz vor Jahren zur «Segelnation» gemacht hat. Gelernt hat der 48-Jährige Landschaftsgärtner. Seine Berufung aber ist das Segeln. Schon als Kind hatte er am nahen Achensee sehnsüchtig den Segelschiffen nachgeschaut. Seine Mutter ahnte nicht, was ihr Sprössling hinter ihrem Rücken machte. Er trieb sich so lange im idyllisch gelegenen Yachthafen herum, bis er seinen ersten Förderer fand. Der nahm ihn mit auf seine Segelyacht und brachte dem Dreikäsehoch die ersten Grundbegriffe des Segelns bei. Von da an war für Fankhauser klar, was er dereinst werden wollte. Bei der ersten Segelregatta, an der er teilnehmen wollte, benötigte er die Unterschrift seiner Mutter. «Aber Bub, das kannst du doch nicht», soll sie gesagt haben. Sie konnte nicht ahnen, dass sich der Junge nach der Schule jeweils jede freie Minute am und auf dem See aufhielt. Als er mit siebzehn erstmals das Meer sah, war es um Fankhauser geschehen. «Das Meer», so pflegt er zu sagen, «das Meer ist so etwas wie mein Wohnzimmer.» Deshalb hat er sein berufliches Domizil längst nach Palma de Mallorca verlegt.
Der Atlantik ist sein Wohnzimmer
In den letzten Jahren war Fankhauser mehr auf hoher See als an Land. Bis zu 50 Wochen ist er mit Schiffen anderer Leute auf See. Vorzugsweise auf dem Atlantik. Denn er hat das Überstellen von Segelyachten nach Amerika und in die Karibik zu seinem Broterwerb gemacht.
So kommen pro Jahr schon mal 9000 nautische Meilen zusammen. Eine Seemeile misst exakt 1,852 Kilometer. Den Atlantik hat er schon bei jedem Wetter überquert. Die genaue Zahl ist ihm nicht mehr geläufig. Der Atlantik ist für Fankhauser Routine geworden und stellt längst keine Herausforderung mehr dar. Da sind Kap Hoorn und das Kap der Guten Hoffnung oder die raue See zwischen Australien und Neuseeland schon ganz andere Hausnummern.
Weil er das alles schon gesegelt hat, wagt sich Fankhauser an die ultimative Herausforderung eines jeden Seglers. Seit Jahren träumt er von «Imoca Ocean Masters World». Eine Rennserie, vergleichbar mit der Formel 1 im Autorennsport. Als Gastskipper hat er ein Boot, das erfolgreich das «Volvo Ocean Race» bestritt, gesegelt. Dabei hat er der Konkurrenz gezeigt, was der «Mountain Man» so alles drauf hat. Der nominelle Skipper wollte nicht glauben, was er sah. Gefragt, weshalb er das Boot so schnell machen könne, habe Fankhauser nur gesagt: «Das Schiff spricht mit mir.» Man müsse das Schiff spüren, eine Einheit mit dem Wind, dem Wasser und den Wellen sein. Fankhauser war erst etwas enttäuscht, weil ihn dieser Skipper nicht an Bord nahm. Erst später erfuhr er den Grund für die Abweisung. «Er hat gespürt, dass ich selbst ein Boot haben müsste.»
Mit 35 Knoten über die Wellen
Ein Schiff für die «Imoca»-Serie ist aber nicht ganz billig. Im Wettbewerb der Reichen und Schönen kann Fankhauser nicht mithalten. Er ist auf Sponsoren angewiesen. Mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit hat er schliesslich jemanden gefunden, der ihm ein Schiff zur Verfügung stellt. Ein Schiff mit beeindruckenden Massen. 60 Fuss (circa 18 Meter) lang, beinahe sechs Meter breit mit einer Masthöhe von 29 Metern. Die Segelfläche beträgt rund 600 Quadratmeter. Der Kiel hat einen Tiefgang von 4,5 Metern. Damit will Fankhauser mit Spitzengeschwindigkeiten von 35 Knoten (rund 65 Km/h) über die Wellen jagen. Und das alleine. Wäre alles nach Plan gelaufen, das Foto mit Fankhauser und Stoller auf dem Städtlisteg wäre nicht zustande gekommen. Denn zu diesem Zeitpunkt hätte Fankhauser im Rahmen der «Imoca Globe Serie» auf hoher See sein sollen. Doch er verpasste das erste Rennen «The Ocean Race Europe», weil das Schiff nicht rechtzeitig bereit war. Das Wetter hat dem «Mountain Man» einen Streich gespielt. Als er im Hafen von Lorient an der Atlantikküste sein total überholtes Schiff zu Wasser lassen wollte, tobte in der Bretagne ein Sturm, der das Vorhaben schlicht verunmöglichte. Diese Zeitverzögerung brachte Fankhauser um den Start zu seinem ersten Rennen. Er kann seine Enttäuschung nicht verbergen. Die Worte dazu sind, die eines Seebären, der in den Wind hinaus spricht – also nicht druckreif. Die Verzögerung hat aber auch sein Gutes. So kann sich Fankhauser mit seinem Trimmer Dominique Bayer auf das Testen und Einfahren seines Schiffes konzentrieren, um spätestens am 8. August beim nächsten Rennen, dem «Rolex Fastnet Race», über die Distanz von 1120 Kilometer am Start zu sein.
Fankhauser ist sich bewusst, was für eine Nummer das sein wird. Er dürfte zwar unter den Teilnehmern einer der am weitest Gereisten sein. Dennoch muss er sich warm anziehen. Denn in der «Imoca-Serie» segeln die absolut besten mit. Um gegen diese Konkurrenz bestehen zu können, braucht es Mut, enorme Einsatzbereitschaft und Können. «Und man muss auch ein wenig verrückt sein», sagt Fankhauser. «Es ist wie ein Ritt auf der Rasierklinge. Wer den Fuss zuerst vom Gas nimmt, hat schon verloren.» Nicht umsonst werden die Segler der «Imoca-Serie» in den grossen Segelnationen wie Nationalhelden verehrt. Es ist die schnellste Klasse für Einrumpf-Boote.
Zehn Schweizer Seen in 72 Stunden
Fankhauser ist ein Segelverrückter. Immer für ein Abenteuer zu haben. So sass er noch nicht lange in einer Beiz in seinem Heimatort Trub. «Ich war dort, um Ahnenkunde zu betreiben.» Dann kamen sie bei einer bierseligen Runde auf die Idee, Fankhauser könnte mitten im Winter in nur 72 Stunden zehn Schweizer Seen durchsegeln. Gesagt getan.
Gestartet wurde bei garstigen Bedingungen am Genfersee. Als sein kleines Segelboot im Neuenburgersee nach dem Einwassern festfror, musste er das Unternehmen abbrechen. Aber Fankhauser wäre nicht der «Mountain Man», wenn er sein Versprechen nicht wahr gemacht hätte. Etwas später, bei besseren Bedingungen, zog er sein Ding durch und segelte seine «Segeltour de Suisse» in weniger als 72 Stunden. Dafür kamen über 3000 Spendenfranken für die gesegelten Meilen zusammen, die einem guten Zweck zugeflossen sind.
Zwei Berner haben sich gefunden
Mit Hans Stoller und Beat Fankhauser haben sich zwei «Bärner Gringe» (zu deutsch: Berner Dickschädel) getroffen. Stoller ist ein international tätiger Privatbankier, der als junger Mann sein Börsenhandelsdiplom an der Wallstreet in New York gemacht hat. Vom internationalen Profisport hat er durchaus Ahnung. Stoller war einer der besten Polospieler der Schweiz, der diesen Sport während vielen Jahren in Argentinien, dem Mekka des Polosports, ausgeübt hat.
Hans Stoller lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Mellingen. Seine Aufgabe ist es, die nötigen Mittel für Beat Fankhausers ambitionierten Plan zu beschaffen. Gesucht werden Sponsoren, die von Fankhausers Abenteuer eine Scheibe abschneiden möchten. Denn die «Imoca Globe Series Worlds Championship» strahlt in die ganze Welt hinaus. Die Werbung auf den Rennyachten erreicht Millionen von Menschen in der ganzen Welt. In den grossen Segelnationen ist die öffentliche Beachtung vergleichbar mit der Formel 1. Deshalb ist Hans Stoller zuversichtlich, einige Sponsoren zu begeistern, die von diesem enormen Werbeeffekt profitieren wollen. Mehr Informationen über Fankhauser und das verrückte Abenteuer finden sich auf dessen Webseite bf-racing.com.
Beat Gomes




