Ja oder Nein zur neuen Kiesgrube Grosszelg
04.11.2022 BirmenstorfAn der Winter-Gmeind vom 16. November steht die Umzonung Grosszelg im Zentrum – Argumente von Befürwortern und Gegnern
Soll Landwirtschaftsland in Materialabbaugebiet umgezont werden? Im Dorf ist die Vorlage umstritten. Der Reussbote lässt Befürworter und Gegner zu Wort ...
An der Winter-Gmeind vom 16. November steht die Umzonung Grosszelg im Zentrum – Argumente von Befürwortern und Gegnern
Soll Landwirtschaftsland in Materialabbaugebiet umgezont werden? Im Dorf ist die Vorlage umstritten. Der Reussbote lässt Befürworter und Gegner zu Wort kommen.
Im Gebiet Grosszelg, an der Fislisbacherstrasse neben der Autobahn, will die RMK Kies (Richi, Weiningen, Merz Gebenstorf, Knecht Brugg) auf einer Fläche von rund 15 Hektaren während 20 Jahren 2,3 Millionen Kubikmeter Kies abbauen – das sind pro Jahr rund 145 000 Kubikmeter. Die Kiesgrube soll anschliessend mit unverschmutztem Aushubmaterial gefüllt und wieder als Landwirtschaftsland genutzt werden.
Im Mai 2019 hat der Grosse Rat das Gebiet Grosszelg im kantonalen Richtplan als Materialabbaugebiet von kantonaler Bedeutung festgesetzt. Das letzte Wort zur Umzonung haben die Stimmberechtigten an der Gemeindeversammlung. Genehmigen sie die Vorlage, beginnt der Kiesabbau 2024 und endet 2044. Der Gemeinderat steht hinter der Vorlage. Von der RMK Kies erhält die Gemeinde eine Entschädigung von 2 Franken pro Kubikmeter. In 20 Jahren sind das insgesamt mindestens 4,6 Millionen Franken (jährlich 230 000 Franken). Hinzu kommen Steuereinnahmen der Grundstückeigentümer von rund 1 Million Franken über die gesamte Zeit.
Die Vorlage ist in Birmenstorf umstritten. Vor allem wegen des Lastwagenverkehrs durch das Dorf: 204 Lastwagen pro Werktag fahren über den Kreisel Chrüz, davon mehr als die Hälfte (108 Lastwagen) Richtung Autobahn, 96 Lastwagen fahren täglich durchs Dorf nach Gebenstorf.
Der «Reussbote» wollte beiden Interessengemeinschaften noch einmal Gelegenheit geben, ihre Argumente darzulegen. Darstellung und Bildauswahl haben beide Gruppen selbst gewählt. (hhs)
Einwohnergemeindeversammlung am Mittwoch, 16. November, um 20 Uhr
Pro – Nur ein lokaler Abbau steht für Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit
Sind wir denn hier der Auspuff der Region Wasserschloss?
Clemens K. Zehnder: «Ich glaube, wir machen uns alle etwas vor. Rundherum wird gebaut und solange das so ist, fahren auch Lastwagen. Beim Neubau vom Kantonsspital Baden sind jeden Tag hunderte Lastwagen durch Birmenstorf gefahren und stand jemand mit einem Plakat am Strassenrand? Ein Kieswerk braucht Kies. Entweder kommt der Rohstoff aus Grosszelg oder von weiter her. Und selbst dann fährt der Lastwagen durch Birmenstorf nach Gebenstorf.
Wer will schon den ganzen Tag Baumaschinenlärm neben der Terrasse?
Conny Biland: «Wir haben die Autobahn in nächster Nähe und wenn der Wind ungünstig steht, hört man es recht rauschen. Ich habe mir diesbezüglich den Umweltverträglichkeitsbericht genau angeschaut. Da heisst es, der Abbau ist nach den gesetzlichen Vorgaben lärmtechnisch so optimiert, dass die Emissionen stark reduziert und möglichst weit weg vom Dorfkern entstehen. Die Ämter haben den UVB geprüft und ich vertraue ihrem Urteil. Interessanterweise wurde z. B. trotz Kiesabbau im Niderhard in der nahen Umgebung viel gebaut und es gab nie Reklamationen.
Trägt uns der häufige Westwind nicht den Staub in den Garten?
Cécile Meier: «Ein Blick auf andere Kiesgruben zeigt, wie die Branche und die Firma Merz arbeiten. Es hat Radwaschanlagen und die Pisten und Plätze sind befestigt. Der Staub kommt gar nicht bis auf die Gemeinde- und Kantonsstrassen.»
Wie profitiert die Gemeinde?
Oli Brack: «Die Gemeinde wird für den Kiesabbau grosszügig entschädigt. Sie erhält rund fünfmal so viel Geld wie für die Grube Niderhard und das 20 Jahre lang. Meiner Meinung nach hat die Gemeinde sehr gut verhandelt. Kommt der Kies nicht aus Birmenstorf, haben wir nur den Verkehr, aber keine Entschädigung.»
Ist das Gerede von der Kreislaufwirtschaft nicht nur gerade Mode?
Edith Saner: «Wir können stolz auf die Kiesvorkommen in Birmenstorf sein. Seit 100 Jahren ist Birmenstorf eine Gemeinde, die am Kies mitverdient. Wenn wir nachhaltig wirtschaften wollen, müssen wir immer mehr regional denken. Es ist schlimm genug, dass wir im Winter Erdbeeren aus Spanien herfahren. Beim Kies ist die Schweiz fast Selbstversorger. Regionaler Kies für regionale Bauvorhaben – das ist gelebte Nachhaltigkeit.»
Wieso sollte ich für Grosszelg mit Ja stimmen?
Clemens A. Zehnder: «Bei einem Ja verdient die Gemeinde, wir arbeiten für die Klimaziele und die Versorgungssicherheit. Bei einem Nein haben wir nichts ausser dem Verkehr.»
Interessengemeinschaft «Ja zu ökologischem Kiesabbau»
Contra – Es ist Zeit für eine Pause! Nein zur Umzonung, nein zur neuen Kiesgrube
Sage und schreibe 54 000 schwere Lastwagen sollen es jährlich sein! So viele fahren maximal zu Spitzenzeiten aus der und zur geplanten Kiesgrube in der Grosszelg und zur bestehenden im Niderhard. So hält es der Umweltverträglichkeitsbericht fest, der von der IG RMK Kies in Auftrag gegeben wurde.
Die ungeheure Zahl macht pro Arbeitstag 225 Kieslastwagen auf Birmenstorfer Strassen. Also alle zwei Minuten ein zusätzlicher Lkw. Sie verursachen Lärm, Dreck und Feinstaub. Und sie führen zu gefährlichen Situationen auf der Hauptstrasse, die das Dorf zerschneidet. Die Kinder auf dem Schulweg und in der Freizeit, die Erwachsenen beim Einkauf und die Senioren bei ihren Aktivitäten sind davon tangiert. Doch nicht nur um die neun Fussgängerstreifen kommt es zu mehr kritischen Situationen. Auch die Velofahrenden auf der Kernfahrbahn und der nationalen Veloroute sind davon betroffen.
Die 30 bis 40 Tonnen wiegenden Lastwagen müssen vor jedem der drei Verkehrskreisel abbremsen und wieder anfahren. Wenn sie in Richtung Autobahn fahren, gilt es ausserdem eine Steigung zu bewältigen. Das alles verlangsamt den ohnehin schon dichten Verkehr. Pendler stehen länger in der Kolonne, ebenso der öffentliche Verkehr. Durch den Stau und die Verspätungen verliert Birmenstorf seine gute Erreichbarkeit in alle Richtungen. Dass unser Dorf unter dem Verkehr leidet, ist schon lange bekannt. 2017 analysierte der Kommunale Gesamtplan Verkehr die Situation und forderte eine Verbesserung der Situation. Passiert ist seither nichts, ausser dass Birmenstorf beim Kanton als «schwieriger Verkehrspunkt» gilt.
Die von den Kiesfirmen in Aussicht gestellte Entschädigung – unterschrieben ist der Vertrag noch nicht – steht dazu in keinem Verhältnis. Überdies entstehen der Gemeinde hohe Kosten, weil die Strassen kaputt gehen und mit Steuergeldern saniert werden müssen. Zudem ist die geplante Abgeltung im Vergleich mit den Millionengewinnen, die sich mit Kies machen lassen, lächerlich.
Die Kiesfirmen schüchtern die Stimmbürger ein mit dem Argument, die Kieslastwagen würden ohnehin durch Birmenstorf fahren. Das ist reine Angstmacherei. Die alternativen Standorte der IG RMK Kies auf dem Birrfeld und im nördlichen Bezirk Brugg tangieren unser Dorf nicht.
Mit einem Nein zur Umzonung der Grosszelg reduzieren wir den Schwerverkehr durch Birmenstorf, gewinnen an Lebensqualität und Sicherheit. 70 Jahre Kiesabbau sind genug. Es ist Zeit für eine Pause!
Interessengemeinschaft «Neue Kiesgrube Nein»


