Sie sucht immer die Begegnung auf Augenhöhe
01.09.2023 Fislisbach, Region ReusstalBernadette Peterhans besuchte viele Länder, manchen Kontinent – oft auch Krisengebiete. Heute lebt sie dort, wo sie aufgewachsen ist
Bernadette Peterhans war über 30 Jahre lang in Krisengebieten unterwegs. Sie begleitete Impfprogramme und sorgte für Verbesserungen im ...
Bernadette Peterhans besuchte viele Länder, manchen Kontinent – oft auch Krisengebiete. Heute lebt sie dort, wo sie aufgewachsen ist
Bernadette Peterhans war über 30 Jahre lang in Krisengebieten unterwegs. Sie begleitete Impfprogramme und sorgte für Verbesserungen im Gesundheitssystem – das tat sie auch über ihre Lehrtätigkeit am Tropeninstitut in Basel.
Als wir telefonisch den Termin für ein Gespräch vereinbarten, ist Bernadette Peterhans Tausende von Kilometern entfernt. Sie sei in Hawaii, sagte sie, habe sich in Maui ferienhalber mit einer Freundin getroffen, die heute in den USA lebt. Ende Woche sei sie zurück. Dann nehme sie sich gerne Zeit für ein Treffen.
Das Telefongespräch fand am Morgen des 8. August statt, am Nachmittag brachten die Medien erste Meldungen über verheerende Waldbrände in Maui. Während Tagen wütete dort das Feuer, führte zu vielen Toten und noch mehr Vermissten. Die Waldbrände griffen auch auf das Küstenstädtchen Lahaina über, das überwiegend aus Holzhäusern gebaut ist. Genau dorthin wollte Bernadette Peterhans noch einmal vor ihrem Rückflug, dessen Start gleichentags kurz vor Mitternacht angesetzt war: «Lahaina ist eine so schöne Stadt.»
Peterhans war mit dem Auto unterwegs, als ihr die Polizei signalisierte, umzukehren. Bereits stauten sich vor der Stadt die Fahrzeuge, neben der Strasse sah sie einen umgestürzten Baum auf einem Strommast liegen. Sie habe sofort gewendet und sei zum Flughafen zurückgefahren, sagt Peterhans. «Ich denke, ich habe in meinen Berufsjahren ein gutes Sensorium für solche Situationen entwickelt.»
Den planmässigen Abflug verhinderten letztlich starke Winde sowie das Fehlen von Crew-Mitgliedern, die wegen des Feuers an der Westküste festsassen. Die Reisenden mussten auf dem Flughafen übernachten. Peterhans blieb gelassen. Die Gesundheitsexpertin lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Zu viel hat sie erlebt, genug Leid gesehen.
«Eine sehr schwere Aufgabe»
Bernadette Peterhans arbeitete nach ihrer Ausbildung zur Pflegefachfrau mit zusätzlicher Spezialisierung auf Notfallmedizin unter anderem in militärischen Konfliktgebieten, etwa in Afghanistan. Sie leistete dort Kriegsversorgung und musste Triagen vornehmen, wenn Dutzende Schwerstverletzte gleichzeitig im Spital ankamen. «Das war eine sehr schwere Aufgabe», erinnert sie sich an diesen Einsatz in jungen Jahren. Mit dem Internationalen Roten Kreuz (IKRK) erlebte Peterhans Einsätze in Sierra Leone und auch die Hungersnot in Somalia. Ihre Erfahrung war gefragt. Im Verlaufe der Zeit auch am Schweizerischen Tropen- und Public-Health Institut in Basel. Dort koordinierte und unterrichtete Bernadette Peterhans über 20 Jahre lang Kurse und Programme, war für Ausbildung und Weiterbildung verantwortlich. Sie lehrte gemeinsam mit einem Kollegen insgesamt gegen 700 Studierenden aus aller Welt Strategische Projektplanung im Gesundheitswesen.
Einsätze in abgelegenen Regionen
Inzwischen ist Peterhans seit zwei Jahren pensioniert und damit auch zu ihren Wurzeln zurückgekehrt. Heute lebt sie wieder in Fislisbach – dort, wo sie schon als Kind Plätze und Wege auskundschaftete. Näher bei Angehörigen und Freunden. Eine eigene Familie hat sie nicht. «Das war kein Thema», sagt sie und fügt an, es wäre auch nicht möglich gewesen. «Hier kenne ich die Menschen, die Umgebung und es gibt viele schöne Velound Spazierwege.» Zudem geniesse sie in Fislisbach, lächelt sie verschmitzt, ihre schöne Wohnung.
Dazwischen aber liegen Jahre in Zürich, in Basel und zu Studienzwecken auch ein Jahr in London. In London hat Bernadette Peterhans ihr theoretisches Wissen mit dem Abschluss des «Master of Science in Public Health for Developing Countries» erweitert. Sie lebte in urbanen Zentren und monatelang auch immer wieder in unterschiedlichsten Gebieten auf der Welt. Mitunter waren die Einsatzorte nur sehr schwer zu erreichen. Das ganze Team wurde dann mit einem Flugzeug eingeflogen. «Im Südsudan war zum Beispiel gerade mal eine einzige Landebahn vorhanden, die während der Regenzeit schwer zugänglich war», erzählt sie. Die ländlich geprägte Region war so abgelegen, dass gute Vorbereitung hilfreich war. Man musste an alles denken, was vor Ort benötigt würde. «Denn dort gab es fast nichts», sagt Bernadette Peterhans.
Batterien gegen Tomaten tauschen
In den Südsudan kehrte Bernadette Peterhans immer wieder zurück, zunächst mit dem IKRK. «Dieses Land», sagt sie, «kenne ich aus vielen Perspektiven». Auch während des Bürgerkriegs war sie dort. Sie erlebte, wie sich die Menschen in kriegerischen Auseinandersetzungen von der Aussenwelt abgeschnitten fühlten. «Die Dankbarkeit für jegliche Art von Hilfe ist dann noch grösser.» Im Krieg fehlt es an allem, auch am Zugang zu Information und zu Zeitungen. «Das Bedürfnis nach Information war deshalb immer gross.» Vielleicht besassen die Menschen ein Radio, aber es fehlten Batterien. Sie hätten deshalb häufig mit den Menschen getauscht: Zucker, Salz oder Batterien gegen Tomaten, die lokal angebaut wurden.
«Im Südsudan hat knapp 25 Prozent der Bevölkerung Zugang zum Gesundheitssystem», erklärt Peterhans. Spitäler gibt es nur in den grossen Zentren, zum Beispiel in der Hauptstadt. Die geografische Distanz sei aber für viele Menschen aus ländlichen Gebieten unüberwindbar. Peterhans engagierte sich im Südsudan bei Langzeitprojekten, etwa beim Aufbau von Gesundheitssystemen, Impfprogrammen, die ohne strategische Planung kaum durchführbar sind. «Die Menschen verfügen dort durchaus über das Wissen, das Problem aber ist die Technik und die Logistik», sagt Peterhans. Transport, Kühlung der Impfdosen zum Beispiel – alles muss geplant werden. Im Südsudan kümmerte sie sich in ländlichen Regionen um den Aufbau kleinerer Gesundheitseinrichtungen. «Jeder Konflikt», bedauert sie allerdings, «wirft die Verbesserungen wieder zurück».
Begegnungen auf Augenhöhe
«Ich sehe diese Zusammenarbeit dennoch als sehr wertvolles Miteinander», betont die Gesundheitsfachfrau, die sich für den Austausch mit den Menschen vor Ort interessiert. Das tut sie auch heute noch. Das Problem, die Situation im Gesundheitswesen muss erfasst, Schwachstellen müssen erkannt und verstanden werden. «Und die Zusammenarbeit muss im Austausch mit den Fachleuten vor Ort geschehen», betont sie. Danach stellt sich die Frage: Wie lässt sich eine Verbesserung erreichen? Wie ist Unterstützung möglich? «Aus diesem Grund förderte ich Begegnungen auf Augenhöhe.» Auch im Tropeninstitut bei den Weiterbildungskursen mit jenen Menschen, die aus Ländern mit einem wenig entwickelten Gesundheitssystem nach Basel kommen, ist ein solcher Umgang von grosser Bedeutung.
Heute setzt Bernadette Peterhans ihre Erfahrung im Vorstand von Organisationen wie SolidarMed und Crescenda ein. Noch immer leitet sie vereinzelt Kurse am Tropeninstitut und nimmt auch kürzere Einsätze wahr. «Am liebsten in Regionen, wo ich häufig war und viele Menschen kenne, zum Beispiel im Südsudan oder auch in Moldawien.»
Heidi Hess



