Lektion für Lektion werden alle etwas reicher
01.12.2023 BirmenstorfIm Sprachkurs lernen Männer, die in der Notunterkunft leben, deutsch. Sie erfahren vom «Chuchichäschtli», von Fondue und Zopf
Seit Anfang März leben in der Notunterkunft an die 40 asylsuchende Männer. Einige besuchen einen Deutschkurs – der Kurs ...
Im Sprachkurs lernen Männer, die in der Notunterkunft leben, deutsch. Sie erfahren vom «Chuchichäschtli», von Fondue und Zopf
Seit Anfang März leben in der Notunterkunft an die 40 asylsuchende Männer. Einige besuchen einen Deutschkurs – der Kurs öffnet beiden, Lehrerinnen und Lernenden, eine Türe zur fremden Kultur.
Lebhaft geht es zu am Tisch von Dorothée Schneider. Die ehrenamtliche Deutschlehrerin ist mit Jan*, Leano* und Nadim* ins Gespräch vertieft. Vor ihnen ein Lehrmittel zum Erlernen der deutschen Sprache, aufgeschlagen bei Nahrungsmitteln und kulinarischen Spezialitäten: Es geht um Zopf, Käse, Schokolade. Es geht auch um Grammatik. Die Artikel «der, die oder das» sollen zugeordnet werden. «Der» oder «die Schokolade»? Und was ist eigentlich ein «Fondue»? «Käse und Brot», weiss Leano, Jan ergänzt: «Käse und Wein». Schneider lacht und fragt nach: «Wie ist der Käse?» «Geschnitten?», meint einer. «Gekocht», sagt ein anderer. Schliesslich erklärt Jan, sie hätten mal ein Fondue aus dem Beutel gegessen. «Ah, ein Fertigfondue», bestätigt Dorothée Schneider. In diesem Fall sei der Käse schon gerieben, auf einer Raffel – möglicherweise auf einer Röstiraffel. Die fragenden Blicke der Männer lassen Schneider ihr Handy zücken. Sie sucht das Bild einer Röstiraffel, zeigt es und fragt, ob sie wüssten, was eine Rösti sei? Der Übergang von der einen zur anderen Schweizer Spezialität geschieht an diesem Mittwochmorgen im Unterrichtsraum des Birmenstorfer Don-Bosco-Hauses im Gespräch fliessend.
Konzentriert und ambitioniert
Im Haus neben der katholischen Kirche unterrichtet Dorothée Schneider die drei jungen Männer, deren Sprachkenntnisse bereits ein fortgeschrittenes Niveau aufweisen. Weniger weit ist Henry*: Er steht gerade in der Küche neben Karin Ebner und bezeichnet die unterschiedlichen Einrichtungselemente. Später erzählt Lara Künzi, auch sie Sprachlehrerin, dass Henry «immense Fortschritte» gemacht habe und sich Vieles im Selbststudium beibringe. Künzi wird ihm spasseshalber vom schweizerischsten aller Begriffe erzählen, vom «Chuchichäschtli». Bereits nach wenigen Versuchen gelingt Henry die Aussprache nahezu perfekt. – Auf dem Weg zur Integration, hat er eine erste Hürde genommen.
Die vier jungen Asylsuchenden aus der Notunterkunft, die sich zum Sprachkurs eingefunden haben, arbeiten konzentriert und sind ambitioniert. Sie wollen Deutsch lernen, um eines Tages hier arbeiten zu können. Manchmal kommen zehn, manchmal nur zwei Männer. Und manchmal erscheinen einige unter ihnen von einer Woche auf die andere gar nicht mehr – das geschieht dann, wenn die Asylsuchenden am Montag erfahren, dass sie am Mittwoch die Notunterkunft verlassen, um in einer neuen Gemeinde eine neue Unterkunft zu beziehen. Die Fluktuation ist hoch. Die ehrenamtlichen Lehrerinnen, zu welchen Karin Ebner, Lara Künzi oder Dorothée Schneider gehören, wissen nie, wie viele Personen an ihrem Unterricht teilnehmen werden. «Gefragt ist maximale Flexibilität, eine Kursvorbereitung ist unmöglich», sagt Lara Künzi.
Berührungsängste schwinden
Alle drei hatten sich am Informationstag Anfang März, vor Inbetriebnahme der unterirdischen Notunterkunft, beim Infostand von Netzwerk Asyl Aargau auf die Liste der freiwilligen Helfenden setzen lassen – weiterhin sind Freiwillige willkommen. Bereits an einer ersten Sitzung zeigte sich, dass dem Spracherwerb Priorität eingeräumt wird. Mit Unterstützung von Netzwerk Asyl und dank Gastrecht im Don-Bosco-Haus bauten die Freiwilligen den Sprachkurs auf. Schon nach wenigen Lektionen schwinden Berührungsängste. Mit jedem Gespräch, mit jeder Lektion wachsen den ehrenamtlich Tätigen die asylsuchenden Männer mehr ans Herz. Ebner, Künzi und Schneider betonen, sie seien nicht nur Gebende, sie würden bei diesen Begegnungen auch sehr viel erhalten: «Die Gespräche sind für uns eine grosse Bereicherung.»
Heidi Hess
*Name von der Redaktion geändert.


