Fast im Schlaf spielen sie Sechseläuten-Marsch
12.04.2024 Fislisbach, Region ReusstalDie Musikgesellschaft Fislisbach probt für das Jahreskonzert und spielt dann auch mal kurz den Sechseläuten-Marsch – ganz mühelos
Hunderte Male haben einige unter ihnen den Sechseläuten-Marsch schon gespielt. Bald musizieren sie wieder neben dem brennenden ...
Die Musikgesellschaft Fislisbach probt für das Jahreskonzert und spielt dann auch mal kurz den Sechseläuten-Marsch – ganz mühelos
Hunderte Male haben einige unter ihnen den Sechseläuten-Marsch schon gespielt. Bald musizieren sie wieder neben dem brennenden «Böögg».
Gleich spielen wir den «Sechseläuten-Marsch» kündigt Dirigent Urs Heri an. Mittwochabend, Probe der Musikgesellschaft Fislisbach in der Aula der Schule Leematten. Die Musikgesellschaft hat bereits einige Takte gespielt, an Stücken gefeilt, die sie bei ihrem Jahreskonzert Anfang Mai aufführen wird. Die Stühle wurden vor Probenbeginn in Bühnenaufstellung gerückt, Reihen in Big-Band-Formation, auf den Zentimeter bemessen, mittendrin Pauke und Schlagzeug. «Habt ihr noch Platz?», fragt Dirigent Heri ins Orchester. Die Flötistinnen, Klarinettisten und Hornisten witzeln, lachen und nicken.
Es folgen erste Takte von «Chattanooga Choo Choo». «Das Stück», meint Heri, «ist technisch sehr anspruchsvoll.» Nach einem ersten Durchgang meint er, sie müssten noch üben: «In zwei Monaten ist das Konzert, dazwischen noch das Sechseläuten.» Er beruhigt aber auch: «Keine Angst, einfach üben.» Takt für Takt erarbeitet sich das Orchester mit seinem Dirigenten «Chattanooga Choo Choo». Es folgt «Feeling Good», auch hier Konzentration, Zusammenspiel, Harmonie
– Ton um Ton, Takt um Takt.
Kraftvoll, laut – tausendmal gespielt
«So», sagt Heri nach einer knappen Stunde, «jetzt spielen wir den Sechseläuten-Marsch». Das Orchester spielt das Stück an diesem Abend einzig wegen der Journalistin, die aus diesem Grund nach Fislisbach gekommen war. Denn – man hört es sofort
– den Sechseläuten-Marsch beherrschen die Musikantinnen und Musikanten aus dem Effeff. Kraftvoll, laut, tadellos. Tausendmal gespielt. Vielleicht nicht alle, aber doch viele unter ihnen.
Ein paar Dutzend Mal werden sie den Sechseläuten-Marsch am 15. April anstimmen, wenn in Zürich vor dem Opernhaus der «Böögg» verbrennt wird. «Das macht Spass», sagt Anne Nelissen, Präsidentin der Musikgesellschaft Fislisbach. «Und», ergänzt sie, «es lohnt sich für uns.» Denn die Musikgesellschaft, die am Zürcher Festtag die Vereinigten Zünfte zur Gerwe und zur Schuhmachern begleitet, wird von der Gerberzunft gut entlöhnt. Auch deshalb ist das Sechseläuten ein fixer Termin in der Agenda der Fislisbacher.
«Habt ihr auch Brandlöcher?»
Zwar macht der Auftritt durchaus Spass. Er ist aber auch ziemlich anstrengend: Am Nachmittag begleiten die Fislisbacher ihre Zunft beim Umzug durch die Stadt.
Alex Voser zum Beispiel, der Tuba spielt und seit 60 Jahren Musik macht, trug jahrelang 18 Kilo über Zürichs Strassen. So viel wiegt sein Instrument.
Unentwegt spielend, marschieren sie zum Platz, wo sich die Musiken um den «Böögg» versammeln und weiterspielen, sobald Reiterinnen und Reiter auf ihren Pferden um den brennenden «Böögg» galoppieren. «Habt ihr auch Brandlöcher in euren weissen Hemden?», fragt Dirigent Urs Heri in die Runde. Denn nah am Feuer, stieben die Funken. Die Musikantinnen und Musikanten schliessen Wetten ab, hoffen auf ein rasches Explodieren des «Böögg»-Kopfes und damit letztlich auf einen schönen Sommer.
Am Abend aber geht es weiter, mit Besuchen von Zunfthaus zu Zunfthaus, von der Limmat bis nach Höngg. Und jedes Mal, nach Ankunft in einem weiteren Haus, spielen sie erneut den Sechseläuten-Marsch. Erst nach Mitternacht werden die Musikantinnen und Musikanten in ihren Bus steigen und nach Fislisbach heimkehren.
«Schon etwas Besonderes», bilanzieren sie, «mittendrin zu sein, diese Tradition so nah zu erleben.» Es hätten sich über die Jahre auch schöne Freundschaften mit den Zünftern ergeben. Manche erscheinen regelmässig am Jahreskonzert.
Heidi Hess
Sechseläuten-Umzug in Zürich am 15. April. – Jahreskonzert am 3. und 4. Mai um 20 Uhr in der Schulanlage Leematten in Fislisbach.



