«Ein Bob-Pilot muss ein Gesamtpaket sein»
12.07.2024 SportWas macht eigentlich … Christian Reich, ehemaliger Bob-Pilot und Olympia-Medaillen-Gewinner?
Der erfolgreiche Bob-Pilot Chrigel Reich aus Künten holte Olympia-Silber in Salt Lake City. Er spricht über den Spirit an Olympischen Spielen, Material, Rückschläge – ...
Was macht eigentlich … Christian Reich, ehemaliger Bob-Pilot und Olympia-Medaillen-Gewinner?
Der erfolgreiche Bob-Pilot Chrigel Reich aus Künten holte Olympia-Silber in Salt Lake City. Er spricht über den Spirit an Olympischen Spielen, Material, Rückschläge – und die nächste Generation.
◆ Sie haben Ihre Karriere 1986 begonnen, damals noch als Anschieber, wurden dann Pilot. Welches waren die grössten Veränderungen im Sport während Ihrer aktiven Zeit?
Christian Reich: Zu meinen Anfangszeiten als Bremser waren die Piloten athletisch noch nicht sehr weit. Als ich nach den Olympischen Winterspielen 1994 selbst als Pilot anfing, hatten sich die Zeiten schon ziemlich verändert: Da gewannen Piloten, die zwar fahrerisch gut waren, aber eben nicht fit, praktisch nichts mehr. Das war eine grosse Veränderung. Materialmässig gab es natürlich auch immer wieder Veränderungen, die Russen kamen zum Beispiel mit den Zigarrenschlitten, die DDR war mit gefederten Schlitten unterwegs. Aber die für mich grösste Veränderung lag meiner Wahrnehmung nach im Bereich der Athletik der Piloten.
◆ Vier Olympische Spiele als Aktiver, weitere als Coach: Sind die in der Erinnerung klar getrennt oder verschwimmen sie manchmal?
Es gibt in meiner Erinnerung eine klare Trennung: Meine ersten beiden Olympischen Spiele waren Albertville und Lillehammer, da war ich Anschieber für Christian Meili. Albertville war nicht besonders schön: Wir waren einfach bei dieser Bob-Bahn, ausser uns waren noch ein paar Rodlerinnen und Rodler dort. Wir sahen überhaupt keine anderen Sportarten, weil wir so ab vom Schuss waren. Von Olympia-Feeling keine Spur. Nagano war auch speziell, da assen wir einmal mit ein paar kanadischen Hockeyanern zu Mittag. Mein Mechaniker sagte plötzlich keinen Ton mehr, ich plauderte mit den Hockey-Spielern. Als sie gegangen waren, fragte ich meinen Mechaniker, weshalb er plötzlich so still geworden sei. Er fragte zurück, ob ich denn nicht wisse, mit wem ich eben geplaudert hätte. Ich wusste es nicht: Es war Wayne Gretzky – die Hockey-Legende schlechthin, quasi der Michael Schuhmacher des Eishockey. Salt Lake City war natürlich auch speziell, dort konnte ich meinen Traum von einer Olympia-Medaille verwirklichen, das macht mich heute noch stolz und glücklich.
◆ Welche Olympischen Spiele waren die schönsten?
Lillehammer ist und bleibt für mich – unabhängig davon, in welcher Funktion ich dort war – die mit Abstand schönste Olympiade. Da war die Atmosphäre einfach einmalig.
◆ Nach 16 Jahren als Aktiver wurden Sie Trainer des monegassischen Nationalteams. Wie hat sich das ergeben? Oder anders: Wie wurde Monaco zur Bob-Nation?
Nach den Olympischen Spielen in Salt Lake City machte ich wie jedes Jahr Ferien: Meine damalige Frau und ich reisten nach Ägypten, um beim Tauchen und Schnorcheln auszuspannen. Wir lagen beide im Liegestuhl, als ich sagte: «Schatz, ich höre auf.» Nach 16 Jahren Spitzensport war einfach die Luft draussen. Bald hätte schon wieder das Training begonnen, und ich hatte einfach keine Lust mehr. Ich gab also meinen Rücktritt. Zwei Wochen später rief mich Prinz Albert an, der war damals selbst Bob-Fahrer. Er suchte einen Trainer für sein Team. Ich reiste nach Monaco, sah mir die Infrastruktur an, sprach mit den Athleten – und zwei Wochen später sagte ich zu. Aus der Zusammenarbeit resultierte ein 4. Platz an der WM; ein schöner Erfolg für das monegassische Team.
◆ Welches sind die wichtigsten Eigenschaften eines Bob-Piloten?
Ein Bob-Pilot muss viele Eigenschaften haben. Ich sehe das bei meinem Sohn Nils, der vor drei Jahren beschloss, vom Fussball zum Bob zu wechseln. Man muss nicht nur athletisch auf der Höhe sein und die Eier haben, den Schlitten laufen zu lassen, sondern man muss sich auch ums Material, um die ganze Organisation und ums Sponsoring kümmern. Wir sind eine Randsportart, da geht es nicht zu wie beim Fussball, wo die Sportler sich wirklich ausschliesslich aufs Fussballspielen konzentrieren können. Dafür, das muss man schon sagen, ist dort der Konkurrenzdruck auch höher.
◆ Was hat Ihnen der Bob-Sport gegeben?
Sport ist eine Lebensschule. Und man muss wirklich brennen für den Sport. Im Bob-Sport winken keine Millionenbeträge: Wir sind jeweils froh, wenn wir eine Saison mit einer schwarzen Null abschliessen können. Etwas vom Grössten für mich ist der riesige Freundes- und Kollegenkreis, den mir der Sport gebracht hat; ich kenne Menschen auf der ganzen Welt. Und dann hat mich der Sport natürlich gelehrt, mich durchzubeissen, aber auch, die eigenen Grenzen zu akzeptieren: Ich hatte vor gut fünf Jahren einen Hirnschlag und tat alles, um wieder ganz fit zu werden. Es sind nicht ganz alle Folgen weg; damit kann ich aber leben.
◆ Sie haben sich auch in der Materialforschung engagiert.
Material ist ein riesiges Thema im Bob-Sport. Gerade die Deutschen haben ja immense Ressourcen, das ist kein Vergleich zu uns. Ich hatte schon während meiner aktiven Karriere begonnen, Bobs zu bauen, und diverse Nationen fuhren mit meinem Material, auch Schweizer. Ivo Rüegg wurde zum Beispiel mit einem Vierer von mir Weltmeister. 2006 kam Peter Schmid, der damalige Bob-Verbandspräsident, auf mich zu und schlug eine Zusammenarbeit mit der ETH Zürich vor. Ich leitete das Projekt von der fachlichen Seite. Diese Schlitten sind heute noch unterwegs, vor allem die Zweier laufen sehr gut. Seither hat sich in diesem Bereich leider nicht mehr sehr viel getan.
◆ Sie haben eine Event-Firma. Was macht die genau?
Über diese Firma läuft zum einen meine Tätigkeit als Co-Kommentator für SRF: Claude Jaggi und ich kommentieren gemeinsam alle Bob-, Rodel- und Skeleton-Grossanlässe. Zum anderen mache ich Bob-Gästefahrten. Da zeige ich einer Gruppe im Rahmen eines ein- oder zweitätigen Events die Bob-Bahn in St. Moritz, und wir fahren dann auch hinunter.
◆ Sie sind auch Botschafter für Kidz Planet. Das ist eine kleine NGO, die sich für Kinder v. a. in Indien engagiert. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?
Der Gründer der kleinen NGO, Thomas Denzler, ist ein ehemaliger Kunde von mir. Ich war nach meiner aktiven Zeit lange bei V Zug und Keramik Laufen im Aussendienst. So habe ich den «Baulöwen» Thomas Denzler kennengelernt. Daraus hat sich eine Freundschaft ergeben. Ich finde es grossartig, dass sich eine Einzelperson so engagiert. Ich habe auch schon geholfen, ein Golfturnier auf die Beine zu stellen, dessen Reinerlös an Schulen in Indien geht.
Susanne Loacker


