«Aktuell bin ich sozusagen ein Schwamm»
06.11.2026 NiederwilNiederwil: Seit mehr als 100 Tagen ist der neue Reussparkdirektor im Amt. Mit dem «Reussbote» spricht er über Abteilungsbesuche und Strategien
Der Mellinger Dominik Bammatter arbeitete bereits im Reusspark, bevor er Direktor wurde. Seit Anfang Juli entdeckt er den ...
Niederwil: Seit mehr als 100 Tagen ist der neue Reussparkdirektor im Amt. Mit dem «Reussbote» spricht er über Abteilungsbesuche und Strategien
Der Mellinger Dominik Bammatter arbeitete bereits im Reusspark, bevor er Direktor wurde. Seit Anfang Juli entdeckt er den Betrieb in seiner neuen Funktion nochmals neu. Er besucht die Abteilungen, hilft mit, wo er kann und lernt sehr viel. Dieses Neue reizt ihn und die Herausforderung mag er.
Dominik Bammatter, 43 Jahre alt, ist seit Anfang Juli Direktor des Reussparks, Zentrum für Pflege und Betreuung im Gnadenthal. Bammatter folgte in dieser Funktion auf Urs Bosisio, der in Rente ging. Der «Reussbote» traf den neuen Direktor zum Gespräch. Dabei erzählt Bammatter auch von seinen Mellinger Wurzeln: Sein Grossvater war Mitgründer des Unternehmens Bammatter und Zollinger – heute Elektro Zollinger. Bammatter kam als Bub mit seiner Familie nach Mellingen und besuchte hier die Schule ab der dritten Klasse. Beim Gespräch mit dem «Reussbote» liegen seine Notizen vor ihm. Er benötigt sie kaum. Bammatter hört hin und redet offen über Menschlichkeit in einem lebendigen Haus, in dem auch das Lebensende seinen Platz hat. Er erzählt, wie sehr ihn die Kompetenzen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter freuen und er erklärt auch, warum er seit einigen Wochen «ein Schwamm ist, der alles aufsaugt».
◆ Sie sind kein ‹Neuer› im Reusspark. Sie arbeiten hier seit drei Jahren.
Stimmt. Ich kam 2023 als Technischer Leiter in den Reusspark, kenne den Betrieb, auch viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Prozessabläufe. Als Technischer Leiter war ich zudem Mitglied der Geschäftsleitung.
◆ Wie kam es zum Wechsel? Reizte es Sie, den Fächer weiter zu öffnen?
Ich interessiere mich für Neues und mag Herausforderungen. Ich möchte etwas bewegen und etwas bewirken. Allerdings kam ich nicht in der Absicht ins Gnadenthal, eines Tages den vorherigen Direktor Urs Bosisio abzulösen. – Er ist an diesem Wechsel aber nicht ganz unschuldig.
◆ Das heisst?
Er fragte mich früh, schon beim ersten Qualifikationsgespräch, ob die Position des Reusspark-Direktors für mich eine Option wäre.
◆ Wie reagierten Sie?
Weil es eine wirklich spannende Aufgabe ist, begann ich das gemeinsam mit meiner Familie in Betracht zu ziehen. Ich hatte Zeit, mich mit einer neuen Funktion auseinanderzusetzen und den Entscheid reifen zu lassen. Allerdings im Wissen, dass ich ein ganz normales Rekrutierungsverfahren durchlaufen würde. Ich wurde, nachdem die Stelle des Direktors offiziell ausgeschrieben war, genau gleich behandelt wie alle anderen Bewerberinnen und Bewerber. – Schön war allerdings, dass ich von verschiedenen Mitarbeitenden angefragt wurde, ob ich mich für diese Position bewerbe. Offenbar trauten sie es mir zu und begrüssten das auch.
◆ Sie führten drei Jahre lang als Technischer Leiter einen Teilbereich im Reusspark. Seit Juli sind Sie hier Direktor. Wie erlebten Sie diesen Übergang? Was überraschte Sie?
In meiner heutigen Position kommen bei mir viel mehr Anliegen zusammen.
Anliegen, die ernst zu nehmen sind. Ich mache mir Gedanken, diskutiere sie in der Geschäftsleitung oder in einer Arbeitsgruppe. Nötig sind Bewertungen und Einschätzungen. Wir müssen hinhören, Mitarbeitenden Feedback geben und zur richtigen Zeit auch Prioritäten setzen. Kommen sehr viele Anliegen zusammen, ist das nicht immer einfach. Als Technischer Leiter und Mitglied der Geschäftsleitung hatte ich aber auch zuvor Einblick in andere Bereiche und konnte bei strategischen Themen abteilungsübergreifend mitreden. Letztlich geht es darum, den Reusspark weiter zu entwickeln. Das interessiert und motivert mich.
◆ Sie führen ein grosses Haus.
Ja. Im Reusspark arbeiten rund 560 Menschen und leben rund 300 Bewohnerinnen und Bewohner. Zudem unterstützen uns rund 180 freiwillige Helferinnen und Helfer. Für ihren Einsatz sind wir sehr dankbar. Der Reusspark ist ein Haus mit sehr vielen unterschiedlichen Bedürfnissen und Angeboten. Ein bunter Lebensort für Menschen von Jung bis Alt – es gibt hier sogar eine Kindertagesstätte.
◆ Ein lebendiger Ort.
Richtig – obwohl die meisten Bewohnenden hier ihren letzten Lebensabschnitt verbringen. Wichtig ist, dass sie sich hier wohlfühlen. Auch wenn eine Schulklasse durch unseren Park mit Tieren streift, wenn Events auf unserem Areal stattfinden oder wenn die Kinder auf dem Spielplatz spielen. Unsere Bewohnerinnen und Bewohner sollen immer die Möglichkeit haben, sich auch zurückziehen zu können.
Auf einer anderen Ebene geht es um die Bedürfnisse von Angehörigen. Wie können wir ihnen beistehen, wenn sie vielleicht nicht mehr weiter wissen?
◆ Da kommen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Spiel?.
Genau. Wir haben sehr viele tolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich mit dem Reusspark identifizieren. Sie tragen diese Institution. Diese Menschen unterstützen mich auch und führen mich in diejenigen Bereiche ein, die mir vielleicht noch etwas fremder sind.
◆ Was genau ist Ihnen ‹fremder›?
Ich komme weder von der Pflege noch aus der Medizin. Viele Themen sind für mich Neuland. Um mir einen Überblick zu verschaffen, absolviere ich zurzeit eine Ausbildung in «Praktischer Gerontologie». Die Fachkompetenz erbringen unsere Mitarbeitenden. Der Lehrgang erlaubt mir aber, in Pflege und Medizin in groben Zügen mitreden zu können. Das hilft mir auch bei der Weiterentwicklung des Reussparks.
◆Wie muss man sich diese Ausbildung vorstellen?
In vier Modulen werden verschiedene Themen unterrichtet: Ethische Fragen, rechtliche Aspekte oder auch Krankheitsbilder wie etwa Demenz.
◆ Was beschäftigt Sie vor allem?
Ethische Fragen sind sehr spannend. Bei ethischen Fragen gibt es oft keine eindeutigen Antworten. Es braucht sorgfältiges Abwägen und gemeinsame Gespräche. Das ist stets ein Miteinander: Mit den Bewohnenden, mit den Angehörigen und den Mitarbeitenden. Für diese interdisziplinäre Zusammenarbeit braucht es alle. Dann können wir unsere Bewohnenden so umsorgen, dass sie bei uns bestmöglich aufgehoben sind.
◆ Welche Leitplanken setzen Sie in der Betriebsführung?
Mir ist eine gute Unternehmenskultur sehr wichtig: Menschlichkeit mit Werten wie Vertrauen, Respekt, Fairness und Ehrlichkeit. Zudem will ich im Haus präsent sein...
◆ ...das heisst?
Aktuell bin ich sozusagen ein Schwamm (lacht). Ich bewege mich im Haus, rede mit den Mitarbeitenden und mit den Bewohnenden. Und ich mache Hospitationen, dabei besuche ich verschiedenste Abteilungen und helfe wo möglich mit – bei den einen etwas mehr, bei den anderen weniger. Pflegeabteilungen besuchte ich bereits mehrmals, letzte Woche durfte ich bei der Morgenpflege helfen. Ich war auch schon im Restaurant, in der Kita, in der IT, bei den Finanzen, in der Wäscherei oder in der Küche. Dabei lerne ich meine Mitarbeitenden besser kennen und erlebe, mit welchen Herausforderungen sie täglich konfrontiert werden. Ich sehe dadurch, welche Kompetenzen sie mitbringen und wie engagiert sie sind.
◆ Wie kommen die Besuche beim Personal an?
Sie schätzen das sehr. Manchmal sind sie aufgeregt – das legt sich in der Regel aber rasch. Oft sind sie stolz, zeigen zu dürfen, was sie täglich leisten. Sie erzählen von Herausforderungen, reden über Positives und Negatives. Eine Offenheit, die ich als Stärke wahrnehme. Es zeigt sich, dass wir eine positive Feedbackkultur pflegen.
◆ Was erleben Sie aktuell als Herausforderung ?
Mitte November lancieren wir das Kick-Off für die Weiterentwicklung unserer Strategie, dabei geht es auch um Faktoren wie der demografische Wandel. Voraussichtlich Mitte nächsten Jahres liegen Ergebnisse vor, die eine langfristige Planung erlauben. Es geht um Infrastruktur, Gebäude, auch um Digitalisierung, oder die Anwendung von Künstlicher Intelligenz, sofern sie unsere Mitarbeitenden unterstützen kann.
◆ Kann Künstliche Intelligenz in einem Alters-und Pflegezentrum eingesetzt werden?
Im Bereich KI steht bei uns aktuell vor allem die Vereinfachung administrativer Tätigkeiten im Fokus. Heute benötigen wir viel Zeit für Dokumentation oder Planung. In solchen Bereichen können KI-Tools unsere Mitarbeitenden massiv entlasten, – vorausgesetzt der Datenschutz ist sichergestellt.
◆ Denken Sie auch an Roboter?
(lacht) Wer weiss, vielleicht können wir eines Tages sogar einen Roboter einsetzen, der Essen serviert. Aber darum geht es nicht: Entscheidend ist, dass solche Hilfsmittel die Mitarbeitenden im Alltag entlasten. In der Pflege etwa bleibt dadurch mehr Zeit für die Bewohnenden und ihre Betreuung.
◆ Letzte Frage: Sie sind jung, 43 Jahre alt, Vater von Zwillingen.... ...genau, die beiden sind elf Jahre alt.
◆ Bleibt Ihnen Zeit für Familie und für Ihre eigenen Interessen?
Ja. Diesen Ausgleich braucht es. Unser gemeinsames Mittagessen ist wertvolle Familienzeit und Lebensqualität. Wir wohnen in Mellingen. Dass ich mittags nach Hause kann, schätze ich enorm. Wir sitzen gemeinsam am Tisch, die Kinder sprudeln, erzählen. Diese Zeit über Mittag kompensiert auch, wenn es abends mal später wird.
◆ Und Hobbies?
Ich bin gerne in der Natur, mache Sport, jogge, bike und ich fahre vor allem gerne Ski. Zudem spiele ich Klavier, koche gerne und fotografiere.
Heidi Hess

