Das Geschäft wollte und wollte nicht rentieren
27.02.2026 BirmenstorfDie kurze Geschichte der wenig erfolgreichen Isolierbausteine aus Birmenstorfer Kalktuff
Siegreiche schreiben die Geschichte, Erfolgreiche die Wirtschaftsgeschichte. Verliererinnen und Pleitiers gehen oft vergessen. Das trifft auch auf die Isolierbausteine zu, die mit Birmenstorfer ...
Die kurze Geschichte der wenig erfolgreichen Isolierbausteine aus Birmenstorfer Kalktuff
Siegreiche schreiben die Geschichte, Erfolgreiche die Wirtschaftsgeschichte. Verliererinnen und Pleitiers gehen oft vergessen. Das trifft auch auf die Isolierbausteine zu, die mit Birmenstorfer Kalktuff geformt wurden.
Die Jahre unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg waren eine Phase des Aufschwungs und damit des Optimismus. Das dachte auch der Birmenstorfer Eduard Rey (1912–1981), als er 1945 die Idee hatte, Isolierbausteine aus Kalktuff herzustellen. Eigentlich war er Gemüsebauer und so kam es, dass Rey bei der Feldarbeit Kalktuff fand. Die unebene Parzelle in der «Wey» am Abhang zur Reuss gab für die Landwirtschaft nur wenig her. Bestenfalls diente sie als karge Weide für Rinder. Doch der Rohstoff liess Eduard Rey träumen, denn im Dorf wurden seit hunderten von Jahren verschiedene Bodenschätze gewonnen.
Die Ziegeleien der Familie Biland
Zeitweilig rauchten in Birmenstorf die Öfen von zwei Ziegeleien, die örtlichen Lehm zu Dachziegeln werden liessen. Die ältere der beiden Fabriken ging auf die Familie Biland zurück, deren Abkömmling Adolf Biland seit 1892 das florierende Unternehmen leitete. Sein Bruder Oswald Biland hatte bei der Station Mellingen ein ansehnliches Areal vom Kanton Aargau erworben, auf dem er 1886 die Mechanische Ziegelei Mellingen errichtete. Der Rohstoff Tonerde stammte aus dem Gebiet «Neunbrunnen», wo heute das Tanklager steht. Einige Häuser im Mellinger Banhofsquartier erinnern noch an die Glanzzeiten um die Wende zum 20. Jahrhundert. Die Ziegelei profitierte von den Transportmöglichkeiten der Nationalbahnlinie. Oswald Biland starb 1916, seine Ziegelei stellte den Betrieb in der Zwischenkriegszeit ein und der letzte Fabrikkamin wurde 1943 gesprengt.
Schon im 16. Jahrhundert baute man in Birmenstorf, genauer bei der Lindmühle, Tuffstein ab. Etwas später auch Insektenmergel, begehrt für Bodenverbesserung von Acker- und Wiesland. Ab der Wende zum 20. Jahrhundert bezogen Badener Giessereien Opalinuston aus einer anderen Grube für den Formenbau. Weshalb sollte sich nicht auch mit Kalktuff Geld verdienen lassen?
Einfache Herstellung
Beim Kalktuff handelt es sich um ein junges, poröses Sediment, das sich erst nach der Eiszeit ablagerte. Das auch Quellkalk oder Bachtuff genannte Gestein ist in der Geologie als Ergebnis eines grossen Grundwasseraustritts ein Begriff. Als Weichgestein ist es einfach abzubauen und verfügt dank vielen Hohlräumen über wärmedämmende Eigenschaften. Der Kalktuff in Birmenstorf hatte eine helle Farbe und war so weich wie feuchter Lehm.
Ohne weitere Abklärungen und in Erwartung grosser Gewinne machte sich Eduard Rey an die Arbeit. Er liess auf dem Lochacker, den er kurz davor von Viehhändler Paul Würsch erworben hatte, eine Baracke mit Ziegeldach aufstellen. Rey stellte 1946 als ersten Arbeiter Giovanni Lampréu (1924–1979) ein. Der ehemalige italienische Militärinternierte erlebte das Kriegsende in Birmenstorf, blieb nur kurz in seinem Heimatdorf und war eben wieder zurück an der Reuss. Er kümmerte sich um die Produktion. Den Antrieb der Maschinen übernahm ein Motor über Transmissionen. Waren die breiten Lederriemen gerissen, trug sie der 1940 geborene Eduard Rey junior zu Sattler Hugo Bopp auf die Egg.
Die Herstellung der Isolierbausteine war denkbar einfach. Zuerst wurde der Kalktuff zerkleinert und gemahlen, dann mit Sand und Zement vermischt und in eine Form gepresst. Im Gegensatz zu Ziegeln und Backsteinen brauchten die Steine nicht bei hohen Temperaturen gebrannt zu werden, vielmehr härteten sie auch bei jahreszeitlich schwankenden Aussentemperaturen aus. Damit konnte sich Eduard Rey die hohen Kosten für den Bau und den Betrieb einer Ofenlinie sparen. Die gute natürliche Dämmwirkung überzeugte Baumeister in der näheren Umgebung, die die Steine deswegen gerne verbauten.
Eduard Rey hatte grosse Pläne. So liess er eine Rollwagenbahn anlegen, mit der auf Schienen in kleinen Loren der Kalktuff in die kleine Fabrik hochgezogen wurde. Die Feldbahn mass rund 150 Meter Länge und querte einen Landwirtschaftsweg. Deswegen war Rey immer wieder im Austausch mit dem Gemeinderat, der sich um die Sicherheit der Rollwagenbahn sorgte.
Mehrere Besitzerwechsel
Eduard Rey kämpfte nicht nur mit behördlichen Vorschriften, sondern auch mit Schwierigkeiten, wie sie viele Jungunternehmer kennen. Nach rund zwei Jahren Betrieb bezahlte ein Baugeschäft eine grössere Lieferung Isolierbausteine nicht und brachte die Firma damit in finanzielle Schieflage. Rey sah sich gezwungen, sein Geschäft zu verkaufen und wandte sich wieder dem Freilandgemüse in seinem Hausgarten und auf seinem «Pflanzblätz» zu.
Neue Besitzer der «Tuffsteinwerke» waren die verschwägerten Paul Zimmermann (1916–1993) und Georg Zehnder (1912–2003). Zimmermann, genannt «Pintejoggi», aus dem Restaurant Frohsinn betätigte sich auch als Gemüsebauer und Erfinder. Es dauerte nicht lange, bis er sich mit Zehnder überwarf, der seit 1941 als Baumeister in erster Linie im Hausbau tätig war.
Grube und Fabrik werden verkauft
Trotz brummender Bauindustrie, um den kriegsbedingten Rückstand aufzuholen, gelang es Zimmermann und Zehnder nicht, den positiven Konjunkturzyklus mit Namen «Koreahoch» für sich zu nutzen. Sie verkauften Grube und Fabrikationsstätte bereits 1953 oder 1954. Der nächste Besitzer war August Küng aus dem Aristauer Ortsteil Birri im Freiamt. Auch Küng blieb glücklos. Gegen Ende der fünfziger Jahre gab er die Grube in der Wey auf. Bis die Holzbaracke abgebrochen und die Rollbahn zurückgebaut war, dauerte es mehrere Jahre. Die damalige Dorfjugend nutzte die Gunst der Stunde, entwendete Holzpaletten, um darauf an der Reuss ein Sonnenbad zu nehmen und sie danach zu versenken. Oder sie freute sich am rassigen «Rollwägelifahre». 1964 war auch die Fabrikationsstätte verschwunden.
Dass sich mit Tuffstein im 20. Jahrhundert durchaus gutes Geld verdienen lässt, bewies ein anderer Birmenstorfer. Rudolf Lehmann (1916–1993) beutete erneut jene andere Lagerstätte an der Tugflue bei der Lindmühle aus, die schon seit der Frühen Neuzeit aktenkundig ist. Während rund 20 Jahren lief das Geschäft, bis 1966 der Nationalstrassenbau dem Abbau ein Ende setzte. Die massiven Pfeiler des Reusstalviadukts kamen mitten in die Abbaustätte zu stehen.
Patrick Zehnder
Patrick Zehnder ist Historiker und lebt in Birmenstorf. Er war Co-Projektleiter von «Zeitgeschichte Aargau 1950–2000» und ist im Vorstand der Historischen Gesellschaft Aargau.




