Direktor Urs Bosisio verabschiedet sich Ende Juni
22.05.2026 NiederwilNiederwil-Gnadenthal: Der Reusspark als grösstes Zentrum für Pflege und Betreuung im Kanton Aargau steht vor einem Leitungswechsel
Er kam als Krisenmanager und blieb fünf Jahre. Urs Bosisio (71) brachte als Direktor einen neuen, positiven Spirit in die Institution ...
Niederwil-Gnadenthal: Der Reusspark als grösstes Zentrum für Pflege und Betreuung im Kanton Aargau steht vor einem Leitungswechsel
Er kam als Krisenmanager und blieb fünf Jahre. Urs Bosisio (71) brachte als Direktor einen neuen, positiven Spirit in die Institution Reusspark. Ende Juni verabschiedet sich der Hägglinger in die Pension.
◆ Urs Bosisio, Sie gehen am 1. Juli in die verdiente Pension. Zum zweiten Mal, nachdem Sie 2016 bei der Aargauischen Kantonalbank pensioniert wurden. Als Gemeindeammann von Hägglingen traten Sie Ende 2021 ab.
Busisio: Ja, ich weiss schon, wie es geht mit der Pensionierung (lacht).
◆ Was werden Sie vermissen?
Natürlich die Leute. Das ist das Zentrale in diesem Beruf. Es dreht sich ja alles hundertprozentig um Menschen, sei es Bewohnende, Mitarbeitende oder Freiwillige. Was mir sicher auch fehlen wird, ist die Lebendigkeit. Es läuft soviel im Reusspark. Die Funktion als Direktor habe ich gerne wahrgenommen.
◆ Haben Sie bereits Pläne, was Sie mit Ihrer freien Zeit anfangen werden?
Seit Jahrzehnten war ich immer an Termine oder an Zeiten gebunden, zum Teil nahm ich bis zu 15 Termine pro Tag wahr. Ab 1. Juli steht nichts im Kalender. Ich möchte jetzt einfach mal einen Moment für mich haben.
◆ Gehen Sie Hobbys nach?
Seit 25 Jahren spiele ich Golf. Im Winter bin ich auf den Skiern anzutreffen. Jetzt habe ich noch angefangen, Pétanque zu spielen. Da muss man weniger weit laufen als beim Golf (lacht). Dann werde ich sicher mit meiner Hündin Palina wieder vermehrt durch die Wälder und die Hügel streifen...
◆ Sie haben den Reusspark 2021 in einem Führungs-Vakuum übernommen. Die damalige Direktorin verliess den Betrieb nach kurzer Zeit. Wie haben Sie die Institution angetroffen bei Ihrem Amtsantritt?
Das Vertrauen war nicht mehr gross, die Stimmung angespannt. Wir mussten wieder Vertrauen aufbauen und haben zuerst eine Kampagne gestartet mit dem Titel «Lachen macht Freude» – mit überraschenden Wertschätzungsaktionen für die Mitarbeitenden. Die Idee war, dass die Leute,mit Freude aufstehen und arbeiten gehen. Wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter morgens mit einer positiven Ausstrahlung und guter Stimmung ins Bewohnerzimmer tritt, spüren das unsere sensiblen Bewohnerinnen und Bewohner sofort. Diese Haltung überträgt sich und es entsteht eine Wechselwirkung. Parallel dazu haben wir angefangen, eine Führungsphilosophie zu etablieren, wo wir die Wertschätzung ins Zentrum gestellt haben.
◆ Worauf sind Sie im Rückblick stolz oder bezeichnen es als Ihren Verdienst?
Ehrlichkeit und Vertrauen waren für mich immer das Credo. Mitarbeitende konnten sich jederzeit bei mir aussprechen. Offene Türen waren mir wichtig. Wir haben auch die Finanzen stabilisiert. Dank einem guten Controlling haben wir den EBITDA (eine betriebswirtschaftliche Kennzahl, die den operativen Erfolg abbildet) im Jahr 2023 von 5.17 auf 8.46 Prozent im Jahr 2025 gesteigert. Der Reusspark ist ein privater Verein und trägt die finanzielle Verantwortung vollständig selbst. Er verfügt über keine Trägerschaft – etwa eine Gemeinde oder Stiftung im Hintergrund, die beispielsweise eine Defizitgarantie übernehmen könnte.
◆ Der Reusspark gilt als Institution mit einem breiten Aktivierungs- und Betreuungsangebot. Wie gelingt es, diesen hohen Qualitätsanspruch finanziell zu tragen?
Wir bieten in den Betreuungstaxen im Vergleich zu anderen Heimen eine ganz andere Leistung. Der Reusspark hat ein umfangreiches Aktivierungsprogramm, beschäftigt Musik-Therapeuten und -therapeutinnen, unterhält einen Kleintierpark mit 100 Tieren, die für tiergestützte Interventionen eingesetzt werden und beschäftigt dafür Tierpflegerinnen. Weiter haben wir zwei Seelsorgende. Auch die kulturellen Aktivitäten können wir nicht abrechnen. Es ist eine Herkules-Aufgabe, das alles finanziell unter einen Hut zu bringen ...
◆ Aufgrund der demographischen Entwicklung wächst die ältere Bevölkerung stetig, und die Menschen werden durch medizinischen Fortschritt immer älter. Was bedeutet das für den Reusspark?
Die Überalterung ist eine Tatsache. Im Gegensatz zu früher erfolgt heutzutage ein Eintritt ins Pflegeheim erst zu einem späten Zeitpunkt – meist erst, wenn es zu Hause oder mit ambulanter Hilfe gar nicht mehr geht. In der Folge sind neu eintretende Bewohnende oft in einem schlechteren Gesundheitszustand, weisen komplexere Krankheitsbilder auf und bedürfen intensiverer Betreuung. Der Reusspark bietet Langzeitpflegeangebote in Geriatrie, Demenz und Gerontopsychiatrie. Ausserdem zeichnet sich der Reusspark durch sein Palliativ Care Angebot aus und bietet nebst einem Hospiz auch ein Tages- und Nachtzentrum für kurzfristige Aufnahmen und eine Entlastung der Angehörigen.
◆ Muss der Reusspark irgendwann ausbauen?
Eigentlich müssten wir in der ganzen Schweiz ausbauen. Bis 2035 fehlen im Aargau 1500 Pflegeheimplätze. Der Reusspark hat aktuell 300. Weil wir führend sind, werden wir auch unseren Beitrag leisten müssen. Der Reusspark kann das aber nicht alleine schaffen.
◆ In der Revision der Bau- und Nutzungsordnung von Niederwil war der Reusspark ein Thema. Die Gemeinde wollte die Scheune unter Schutz stellen, der Reusspark intervenierte jedoch. Warum?
Wir haben geschaut, welche Möglichkeiten es auf dem Areal gibt. Im Kloster und an der Reuss sind wir eingeschränkt. Die Scheune ist das Pièce de Resistance. Wir haben mit der Gemeinde gesprochen. Wir wollen die Möglichkeit haben, sie flexibel zu nutzen. Wenn die Scheune unter Denkmalschutz gestellt worden wäre, dürften wir nicht mal ein Fenster einbauen. Die Gemeinde ist auf unser Anliegen eingetreten. Jetzt läuft das Mitwirkungsverfahren zur BNO. Wir müssen schauen, wie es herauskommt.
◆ Wo könnten Sie sonst noch ausbauen auf dem Gelände?
Der Parkplatz ist Bauzone. Da könnten wir etwas machen: Zum Beispiel einen Neubau und gemäss der neuen BNO-Vorlage ein unterirdisches Parkhaus. Wir haben aber momentan keine konkreten umsetzbaren Baupläne. Das ist auch eine Frage der Finanzierung.
◆ Gibt es vielleicht Erneuerungspläne?
Die Bauten sind in die Jahre gekommen, da gibt es einen gewissen Sanierungsbedarf. Die Gebäude sind noch klassisch spitalbaumässig erstellt worden. Das sind Dinge, die man zu optimieren versucht. Im Hauptgebäude sind wir dran. Im denkmalgeschützten Kloster sind wir eingeschränkt.
◆ Sie renovieren das Hauptgebäude?
Ja. Es läuft eine sanfte Renovation. Wir haben dafür die Innenarchitektin Jeanette Herbst engagiert. Sie schafft Umgebungen, die speziell Menschen mit Demenz Ruhe und Geborgenheit schenken. Sie kreiert mit Naturelementen, Farben, Licht, Klängen, Kunst und Düften sogenannte healing environments (heilende Umgebungen). Es wird aber nichts umgebaut. Auch die Zimmergrössen bleiben bestehen.
◆ Der Reusspark ist der grösste Arbeitgeber in Niederwil. Wächst der Personalbestand noch weiter?
Wir beschäftigen 570 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich rund 330 Vollzeitstellen teilen. Dazu kommen etwa 160 Freiwillige. Wir haben natürlich immer Jobs offen, vor allem in der Pflege.
◆ Wie lösen Sie das Problem des Fachkräftemangels?
Wir setzen auf unsere bestehenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: mit Wertschätzung, guten Arbeitsbedingungen, attraktiven Benefits und Weiterbildungen. Ergänzend stärken wir unsere Präsenz mit Social-Media-Recruitingkampagnen und setzen auf persönliche Weiterempfehlung, der besten Werbung.
◆ Ab Juli übernimmt Dominik Bammatter, der bisherige Leiter Technischer Dienst, Ihre Aufgabe. Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger?
Natürlich eine totale Befriedigung in diesem Job. Dass er den Reusspark gemeinsam mit den Mitarbeitenden erfolgreich weiterentwickelt. Ebenso wünsche ich ihm viele bereichernde Begegnungen mit Bewohnenden, Angehörigen und Mitarbeitenden – denn genau diese Momente machen die Arbeit sinnstiftend. Vor allem hoffe ich, dass er von einer Krise wie der Corona-Pandemie verschont bleibt – diese Zeit war enorm belastend und kräftezehrend.
◆ Haben Sie ihn schon eingearbeitet?
Dominik ist ja schon im Betrieb. Die Leitung geht fliessend über. Er wird meinen Sitz in der «vaka» (Verband der Spitäler, Kliniken, Pflegeinstitutionen und Spitex-Organisationen im Kanton Aargau) sowie in weiteren Gremien übernehmen.
◆ Was geben Sie ihm mit auf den Weg? An unserer neuen Führungsphilosophie und dem Leitbild hat er intensiv mitgearbeitet. Da gehe ich davon aus, dass er sie weiterführen wird. Die Entwicklungen und Chancen im Bereich der neuen Technologien wie KI und Robotik sollen für unsere Bewohnenden und Mitarbeitenden sinnvoll genutzt werden und echten Mehrwert schaffen. Dominik Bammatter ist jemand, der schon länger da ist, das ist ein grosser Vorteil. Das Personal weiss, was es bekommt. Es gibt sicher Veränderungen mit einem neuen Chef. Aber ich glaube, man muss nicht Angst haben, dass etwas 180 Grad geändert wird.
Marc Benedetti
Zur Person
Urs Bosisio war stellvertretender Direktionspräsident der Aargauischen Kantonalbank (AKB) und 24 Jahre lang im Gemeinderat von Hägglingen, davon 12 Jahre als Gemeindeammann. Im November 2021 sprang er im Reusspark zuerst als Direktor ad interim ein und wurde später vom Vorstand des Vereins Gnadenthal zum Direktor gewählt. Gemeinsam mit der Geschäftsleitung entstand in den letzten Jahren ein grundlegender Kulturwandel. Ein Meilenstein war die Entwicklung einer neuen Führungsphilosophie. Dazu entwickelte Urs Bosisio mit Mitarbeitenden zusammen in einem breiten, partizipativen Prozess ein neues Leitbild und er verabschiedete gemeinsam mit der Geschäftsleitung ein neues Kulturkonzept und implementierte die Motto-Strategie. Während zwei Jahren widmet sich der Reusspark jeweils einem Thema, das an die Kernkompetenzen anknüpft. (mbe)
Nachfolger arbeitet bereits im Betrieb
Ab 1. Juli übernimmt Dominik Bammatter die Direktion des Reusspark. Der heutige Leiter Technischer Dienst ist bereits Mitglied der Geschäftsleitung. Zuvor war er bei der Migros Verteilbetrieb AG als Direktionsleiter Infrastruktur, Services und Projekte tätig. Er bringt langjährige Führungserfahrung sowie ausgewiesene Expertise im Qualitäts- und Facilitymanagement mit. Er kennt die Organisation des Reussparks aus der täglichen Führungspraxis bestens. Der designierte Direktor ist 43 Jahre alt, verheiratet und wohnt mit der Familie in Mellingen. (mbe)


