Einer, auf den man sich verlassen kann
22.05.2026 SportPhilipp Nahm, der Torwart des FC Mellingen, über die Rolle des Goalies und was einen Torwart ärgert
Spätestens seit dem Derby-Sieg gegen Niederwil und dem 3:0 gegen Würenlingen ist klar:
Mellingen hat in Torwart Philipp Nahm einen echten Rückhalt. ...
Philipp Nahm, der Torwart des FC Mellingen, über die Rolle des Goalies und was einen Torwart ärgert
Spätestens seit dem Derby-Sieg gegen Niederwil und dem 3:0 gegen Würenlingen ist klar:
Mellingen hat in Torwart Philipp Nahm einen echten Rückhalt.
◆ Philipp Nahm, wenn man ein kleiner Bub ist, will man ja sicher Fussballer werden. War Torwart Ihr Bubentraum?
Ich glaube, Torwart wird man oft ein bisschen zufällig. Ich hatte nie den Traum, Goalie zu werden, aber dank meines Vaters bin ich es heute. Ich spielte als Knirps oft mit Freunden Fussball, die älter waren als ich. Folglich stellten sie mich regelmässig ins Tor. Das hat mein Vater mitbekommen und mich ermutigt. Wir hatten dann so viel Erfolg, dass ich bleiben musste.
◆ Wird die Position des Torwarts mit der Zeit langweiliger oder spannender?
Als es mehr in Richtung Leistungssport ging, hat es mir mehr Spass gemacht. Im Erwachsenenalter merkt man noch stärker, was die Goalie-Rolle ausmacht: Man kann Spiele retten, man kann sie aber auch verlieren. Das bringt viel Verantwortung mit sich. Klar gewinnt und verliert man immer als Mannschaft. Aber wenn der Goalie einen Fehler macht, ist es meistens ein Tor. Bei Feldspielern kann oft noch jemand retten. Umgekehrt weiss ich aus Erfahrung auch, dass Feldspieler immer wieder für den Torwart retten. Man muss sich aufeinander verlassen können. Und das können wir hier in Mellingen.
◆ Wie schwierig ist es für einen Torwart, der in manchen Situationen mehr Überblick hat als die Feldspieler, nicht eingreifen zu können, auch wenn er einen Fehler kommen sieht?
Fehler sind völlig normal, wir machen alle Fehler. Für mich als Goalie ist es fast nerviger, wenn wir viele Chancen vergeben. Ich stehe dann hinten, am anderen Ende des Spielfelds und kann nicht eingreifen. In so einem Moment würde man am liebsten alles selber machen. Aber mit der Zeit kommt das Vertrauen, dass die Kollegen das doch hinkriegen.
◆ Haben Sie je auf dem Feld gespielt oder waren Sie seit Bubenzeiten immer im Tor?
Ich habe hin und wieder ein paar Kurzeinsätze bekommen. Zloti (Mellingen-Trainer Stephan Zlotorowicz, Anm. d. Red.) hat mich auch schon ein-, zweimal als Feldspieler eingesetzt. Als wir noch zusammen in Turgi waren, hat er mich einmal als Feldspieler eingesetzt, als es um den Pokal ging. Das waren aber immer nur ein paar Minuten.
◆ Sie sind auf die Vorrunde zu Mellingen gekommen. Wie ist es, als Torwart in eine neue Mannschaft zu kommen?
Ich glaube, es ist genau gleich wie für jeden anderen Spieler auch. Speziell in meiner Situation war, dass Mellingen innerhalb kurzer Zeit einige Torhüterwechsel gehabt hatte und dass ich gerade aus einer längeren Verletzungspause kam. Ich hatte mir das Kreuzband gerissen und war über ein Jahr lang ausgefallen. Ich wurde von Anfang an herzlich empfangen und war sofort Teil der Mannschaft. Das Vertrauen und der Zusammenhalt waren von Beginn an spürbar. Mellingen ist wie eine grosse Familie und genau das hat mir den Einstieg sehr leicht gemacht.
◆ Sie trainieren in Brugg die FF- 17-Mannschaft. Mädchen- und Frauenteams haben notorisch Probleme damit, Torhüterinnen zu finden. Was würden Sie da für einen Rat geben?
Mein Rat wäre, den Spielerinnen die Angst vor der Position zu nehmen und ihnen zu zeigen, wie viel Spass sie machen kann. Es ist tatsächlich so, dass viele lieber nicht ins Tor möchten. Ein Goalie wird oft an Gegentoren gemessen, das ist sehr sichtbar. Dabei ist sehr selten nur der Goalie schuld, wenn ein Tor fällt. Gleichzeitig gibt es Situationen, in denen Goalie-Sein unglaublich viel Spass macht: wenn man in der letzten Minute noch einen Schuss hält und dem eigenen Team damit den Sieg bzw. den Punkt sichert. Solche Momente muss man jungen Spielerinnen vermitteln.
◆ Haben Sie ein Goalie-Vorbild?
Manuel Neuer. Ich habe das in meiner Juniorenzeit recht klar miterlebt. Ich war schon Goalie, bevor Neuer seinen Durchbruch hatte. Vor ihm war das Torwartspiel ein anderes: Man stand auf der Linie und die Hauptaufgabe war es, Tore zu verhindern. Dann kam Manuel Neuer. Mein Trainer sagte damals zu mir: Du musst jetzt auch lernen, Fussball zu spielen und der elfte Feldspieler zu werden.
◆ Was macht Sie zu dem Torwart, der Sie sind?
Ich würde sagen, dass man sich auf mich verlassen kann. Ich versuche, Ruhe auszustrahlen, Verantwortung zu übernehmen und von hinten viel zu kommunizieren. Gerade jüngere Spieler unterstütze ich gerne mit meiner Erfahrung. Wenn es bei ihnen einmal nicht läuft, versuche ich, sie aufzubauen und ihnen Sicherheit zu geben. Als Goalie sieht man viele Dinge, die andere auf dem Platz vielleicht nicht sofort sehen.
◆ Charaktersache oder Routine?
Ich glaube, das ist schon ein Goalie-Ding. Man sagt ja, dass Goalies nicht ganz alle Tassen im Schrank haben. Einen gewissen Mut braucht man sicher, weil man sich in jeden Ball wirft, ohne gross über mögliche Verletzungen nachzudenken. Wir ticken auch sonst ein wenig anders: Wenn wir 10:1 gewinnen, freuen sich die Feldspieler über die drei Punkte und die zehn Tore. Und mich ärgert der eine Gegentreffer.
Susanne Loacker

