«Für mich war jedes Spiel Rot gegen Blau»
28.04.2026 Sport, FussballFussball: Luigi Ponte, Präsident des Aargauer Fussballverbands, war zum letzten Mal als Schiedsrichter im Einsatz
50 Jahre, mehr als 2000 Spiele: Am Samstag stand Luigi Ponte, AFV-Präsident, zum letzten Mal als Schiedsrichter auf dem Platz.
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Fussball: Luigi Ponte, Präsident des Aargauer Fussballverbands, war zum letzten Mal als Schiedsrichter im Einsatz
50 Jahre, mehr als 2000 Spiele: Am Samstag stand Luigi Ponte, AFV-Präsident, zum letzten Mal als Schiedsrichter auf dem Platz.
◆ Luigi Ponte, 50 Jahre lang als Unparteiischer auf dem Feld. Sind Sie ein gerechter Mensch?
Sehr. Und zwar kompromisslos. Auch gegenüber sehr guten Kollegen, sogar gegenüber Familienmitgliedern. Ich kann mit Stolz sagen: Ich habe meine Linie immer durchgezogen. Ich hatte nie Zweifel. Das war meine Stärke.
◆ Der Bubentraum schlechthin ist es, Fussballer zu werden. War es Ihr Bubentraum, Schiedsrichter zu werden?
Nein. Ich war Fussballer. Der Schlüsselmoment war ein Match, in dem ich mich ungerecht behandelt gefühlt habe. Für mich ist damals richtiggehend eine Welt zusammengebrochen. Also habe ich mich gemeldet, um ein Gespräch gebeten. Es hiess: Wenn du es besser machen willst, dann mach doch, werde selber Schiri. Und das habe ich gemacht. In der Absicht, es besser zu machen. Gerechter.
◆ Wenn man Schiedsrichter ist, wird man manchmal auf sehr ungerechte Art und Weise angefeindet. Wie geht man als Mensch, der Gerechtigkeit liebt, mit ungerechten Anfeindungen um?
Ich habe mich immer selbst gefragt, ob ich dazu beigetragen habe, ob ich Anlass gegeben habe, dass mich jemand anfeindet. Auf der anderen Seite habe ich mir auch gesagt: Es gibt so viele Leute, die den Fehler immer bei den anderen suchen. In dem Moment, in dem ich eine Entscheidung getroffen habe, war ich immer sicher, dass ich die Situation richtig gesehen und auch richtig entschieden hatte. Aber daran, dass es Menschen gibt, die nur auf sich selber schauen, musste ich mich gewöhnen.
◆ Hat sich dieses egoistische Verhalten in den vielen Jahren, die Sie Schiedsrichter waren, verändert?
Es ist leider tatsächlich so, dass sich das verstärkt hat: Heute schaut jeder für sich, noch extremer als früher. Ich bin immer noch überzeugt, dass die Fussballer und auch die Funktionäre früher ehrlicher waren als heute. Heute versucht jeder nur den Gewinn auf seine Seite zu ziehen, egal mit welchen Mitteln. Damit habe ich Mühe. Die meiste Mühe habe ich damit, dass die, die lügen und bescheissen, oft auch noch Erfolg haben damit.
◆ Aber bitter geworden sind Sie nicht. Nein. Ich habe immer wieder daran gearbeitet, viel mit den Leuten gesprochen. Das mache ich auch in meiner Funktion als AFV-Präsident: Ich versuche, zu verstehen, wie es die anderen sehen. Ich möchte aber auch, dass die anderen wissen und verstehen, wie ich etwas sehe.
◆ In Ihrer Funktion als Schiedsrichter müssen Sie parteilos sein. Sind Sie es innerlich auch immer?
Diese Frage höre ich sehr oft, und ich weiss, dass das schwer zu glauben ist: Ja, absolut. Bruno Galler (der ehemalige Aargauer Schiedsrichter, Anm. d. Red.) hat mir einmal den Tipp gegeben, ich solle einfach immer Rot gegen Blau pfeifen, also völlig von den wirklichen Teams abstrahieren. Das habe ich durchgezogen. Ohne Ausnahmen. Ich bin überzeugt, dass ich das sogar dann gekonnt hätte, wenn mein Bruder Raimondo in der einen Mannschaft gewesen wäre. Leider habe ich nie die Chance bekommen, eines seiner Spiele zu pfeifen.
◆ Das bedeutet, dass Sie nie einen Einsatz abgelehnt haben, aus Bedenken, nicht unparteiisch sein zu können.
Nie.
◆ Was unterscheidet einen guten Schiedsrichter von einem schlechten? Die Kondition. Wer müde ist, macht Fehler. Wer müde ist, läuft vielleicht nicht mehr ganz so weit, um eine Situation wirklich optimal sehen zu können. Man muss wissen: Ein Fussballer legt während einem Match etwa vier, fünf Kilometer zurück – ein Schiedsrichter gut und gern das doppelte.
◆ Wie ist es Ihnen gelungen, so lange so fit zu bleiben?
Ich habe immer zu meinem Körper geschaut. Nie geraucht, wenig Alkohol getrunken. Klar, ein Bier zwischendurch, aber weder regelmässig noch exzessiv. Ich habe viel im Gym trainiert und bin immer am Morgen laufen gegangen. Und wenn etwas nicht in Ordnung war, bin ich immer zum Arzt gegangen. Ich habe wirklich darauf geachtet, jederzeit fit zu bleiben, das war mir sehr wichtig.
◆ Wenn Sie einem jungen Trainer oder Schiedsrichter einen Rat geben könnten: Was würden Sie sagen?
Bleib du. Bleib immer du selbst. Lass dich weder von Komplimenten noch von Niederlagen ablenken. Du musst der sein, der du bist, und das musst du durchziehen.
Susanne Loacker
Luigi Pontes Stationen
• Schiedsrichter seit Frühling 1976 (Kurs in Bremgarten AG)
• Ab der Saison 1984 2.-Liga-Schiedsrichter im Aargau
• Nat.-A-Assistent im Trio Meier 1989 bis 1997
• Erstes Spiel 25. Juni 1989 Frauen Cupfinal in Baden ESP Rapid-Seebach
• Aargauer Cupfinal Schöftland – Lenzburg 1994
• Schweizer Cupfinal Servette – Sion 19. Mai 1996 in Bern
• 100 Jahre FCZ Spiel Bayern – Juventus mit Trapattoni und Lippi
• 1999 bis 2019 SR-Obmann Region Aargau
• 2004 Präsident Schweizerischer Schiedsrichter-Verband SSV
• 2019 bis heute Präsident Aargauer Fussballverband
• Schiedsrichter Inspizient / Instruktor / Coach
• Oberliga-Konditions-Test nie schlechter als 3. Rang (von 60 Assistenten)

