Hilfe, unsere beiden Kinder streiten sich täglich!
23.10.2026 Gesundheit, Serie im ReussboteBeratungskolumne der Schulischen Heilpädagogin und Familientherapeutin Iris Selby
Werkzeugkiste für eine gelingende Erziehung: Wie du deine Kinder erziehst – und ganz nebenbei auch dich selbst!
«Unsere beiden Kinder streiten sich ...
Beratungskolumne der Schulischen Heilpädagogin und Familientherapeutin Iris Selby
Werkzeugkiste für eine gelingende Erziehung: Wie du deine Kinder erziehst – und ganz nebenbei auch dich selbst!
«Unsere beiden Kinder streiten sich täglich. Kaum spielen sie miteinander, gibt es Geschrei, Tränen und gegenseitige Vorwürfe. Wir versuchen zu schlichten, doch langsam wissen wir nicht mehr weiter?»
Streiten will gelernt sein
Liebe Eltern, zuerst einmal die gute Nachricht: Streit unter Geschwistern ist völlig normal und gehört zur kindlichen Entwicklung. Kinder müssen erst lernen, unterschiedliche Meinungen auszuhalten, Kompromisse zu finden und Konflikte zu lösen. Das braucht Übung und manchmal auch starke Nerven von uns Eltern! Geschwister streiten nicht nur um Spielsachen oder weil sie unterschiedliche Wünsche haben. Manchmal geht es auch um die Aufmerksamkeit der Eltern. Wer bekommt recht? Wen hat Mama lieber? Wer wird getröstet? Wenn wir uns bei jedem Streit sofort einmischen, kann dies die Streitereien sogar verstärken.
Nicht jeder Streit braucht deine Hilfe
Mein erster Tipp: Bleibe bei kleineren Streitereien gelassen und laufe nicht sofort an den «Tatort». Wenn wir ihnen die Gelegenheit dazu geben, finden Kinder oft selbst eine Lösung.
Natürlich gilt das nur, solange niemand verletzt, bedroht oder überfordert wird. Bei Gewalt müssen wir sofort eingreifen und die Kinder schützen. Vermeide es aber zur Polizistin, zum Richter oder zur Predigerin zu werden. Befehle, Schuldzuweisungen und lange Moralpredigten helfen selten weiter. Auch die Frage «Wer hat angefangen?» führt meist nur zu neuen Vorwürfen. Sage stattdessen: «Ich sehe, ihr habt ein Problem. Braucht ihr meine Hilfe oder schafft ihr es alleine?» Kommt ein Kind zu dir und beklagt sich über sein Geschwister, kannst du antworten: «Das hat dich geärgert. Hast du deinem Bruder schon gesagt, was du möchtest?» Damit zeigst du Verständnis, ohne gleich die Verantwortung für den Streit zu übernehmen.
So kannst du einen Streit schlichten
Wenn deine Kinder deine Hilfe brauchen, setze dich zu ihnen und bleibe möglichst neutral. Jedes Kind darf erzählen, was passiert ist. Das andere hört zu, ohne zu unterbrechen. Ein hilfreicher Satz ist: «Zuerst höre ich dir zu, danach ist deine Schwester dran. Jeder darf ausreden.» Höre aufmerksam zu und benenne die Gefühle. Beispielsweise: «Du bist wütend, weil dein Bruder dein Spielzeug genommen hat und traurig, weil du auch damit spielen wolltest.»
Wichtig ist, dass sich beide Kinder verstanden fühlen. Es geht nicht darum, einen Schuldigen zu finden. Anschliessend fragst du: «Was könnt ihr tun, damit es für euch beide wieder stimmt?» Lass die Kinder eigene Vorschläge machen. Vielleicht wechseln sie sich beim Spielen ab oder finden eine andere Lösung. Kleinere Kinder brauchen dabei noch etwas Unterstützung. Ist etwas kaputtgegangen, gehört auch die Wiedergutmachung dazu. Frage beispielsweise: «Der Bleistift ist jetzt kaputt. Wie könntest du das wieder in Ordnung bringen?» Erzwungene Entschuldigungen sind wenig hilfreich. Viel wichtiger ist, dass Kinder lernen, Verantwortung zu übernehmen und Mitgefühl zu entwickeln.
Wenn die Gefühle hochkochen
Wenn ein Kind weint oder verletzt wurde, braucht es zuerst Trost und Sicherheit. Bei Schlagen, Treten oder Beissen ist eine klare Grenze nötig: «Stopp! Ich lasse nicht zu, dass ihr euch wehtut.» Manchmal sind die Kinder so aufgebracht, dass ein Gespräch noch gar nicht möglich ist. Dann hilft: «Wir beruhigen uns zuerst. Danach schauen wir gemeinsam, wie es weitergeht.» Und vergiss nicht, deine Kinder zu ermutigen. Wenn sie einen Streit selbst lösen, sage ihnen: «Ich habe gesehen, wie ihr euch geeinigt habt. Das habt ihr gut gemacht!» So stärkst du ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Weniger schlichten – mehr zutrauen
Liebe Eltern, ihr müsst nicht jeden Streit eurer Kinder lösen. Bleibt freundlich, setzt klare Grenzen und greift dann ein, wenn es nötig ist. Gebt euren Kindern unbedingt die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu sammeln. Das ist wichtig, denn beim Streiten lernen Kinder etwas fürs Leben: sich abzugrenzen, andere zu verstehen, Kompromisse einzugehen und gemeinsam Lösungen zu finden.
Bestimmt wird es bei euch zu Hause bald wieder friedlicher. Falls nicht, melde dich bei mir und ich berate dich bei dir zu Hause oder bei mir in der Praxis.
Eure Iris Selby
Weitere Fragen erreichen mich per E-Mail an: mail@irisselby.ch
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