Über 40 Jahre in der «singenden Männer-WG»
04.04.2026 FislisbachFislisbach: Den Männerchor Fislisbach gibt es seit 170 Jahren – seit bereits 42 Jahren ist Ehrendirigent Markus Jud die Konstante im Chor
Sich durchzubeissen hat Markus Jud früh gelernt. Auch beim Männerchor musste er sich als junger Dirigent zuerst beweisen. Jud ...
Fislisbach: Den Männerchor Fislisbach gibt es seit 170 Jahren – seit bereits 42 Jahren ist Ehrendirigent Markus Jud die Konstante im Chor
Sich durchzubeissen hat Markus Jud früh gelernt. Auch beim Männerchor musste er sich als junger Dirigent zuerst beweisen. Jud spielt mehrere Instrumente und ist auch sonst ein Tausendsassa. Er war Schweizer Junioren-Handballmeister und machte privat mit dem Töff die Rennstrecke unsicher.
Mit Musik kam Markus Jud, der in Baden aufgewachsen ist, schon früh in Berührung. «Mein Vater ist eine Institution in Baden gewesen», erzählt er im Gespräch im Café Alexanders in Fislisbach. Im Hauptberuf Coiffeur, sorgte der Vater mit seinem Tanzorchester, dem «Orchester Berth Jud», in der Region für Stimmung in den Tanzsälen. So ziemlich jeder der heute 75- bis 95-Jährigen habe einst zur Musik des Vaters das Tanzbein geschwungen. Musik war ihm also in die Wiege gelegt – sollte man meinen. «Ich bin trotz meines Vaters zur Musik gekommen», betont der 71-Jährige. Denn seine Eltern hätten ihn auf diesem Weg zunächst nicht unterstützt. Sie hätten es lieber gesehen, wenn er etwas «Anständiges» gelernt hätte. Wie das damals eben so war. Dabei hatte der junge Mann gleich mehrere künstlerische Talente: Neben der Musik malte und zeichnete er gerne. «Ich wollte eigentlich bildender Künstler werden», erzählt er. Doch die Musik brach sich trotz allem Bahn in seinem Leben. Noch in der Bezirksschule begann er Klarinette zu lernen, wenn auch auf bescheidenem Niveau, wie er selbstkritisch erklärt. «Kunst und Musik sind meine Fächer gewesen, der Rest hat mich nicht so interessiert», erinnert er sich an seine Schulzeit. Dennoch ging er später selbst ans Lehrerseminar in Wettingen und unterrichtete danach drei Jahre an der Oberschule Koblenz und dirigierte dort nebenbei den Männerchor. So richtig befriedigend fand er die Lehrtätigkeit aber nicht. «Dann habe ich gesagt, jetzt ist fertig, jetzt will ich Musik machen», berichtet er. Am Konservatorium in Zürich studierte er Klarinette und Saxofon. Später wollte er Orchestermusiker werden. Mit mittlerweile 29 Jahren sei er dafür zu alt, musste er sich jedoch beim Aufnahmegespräch für ein Weiterstudium in Lausanne vom Professor sagen lassen: «Es war ein Tiefschlag, aber der Mann hatte im Nachhinein recht», so Jud. Einige seiner – deutlich jüngeren – Mitstudenten brachten es weit: Simon Fuchs sei heute Solo-Oboist beim Tonhallen-Orchester in Zürich und sein enger Freund David Schneebeli ist Fagottist am Orchester Basel. Die nächsten drei Jahre schlug sich Jud dann als Lehrer an verschiedenen Musikschulen durch: «Ich habe in vier Kantonen unterrichtet und bin 1000 Kilometer im Monat gefahren», erzählt er. Irgendwann hatte er genug und drückte abermals selbst die Schulbank. In Luzern hängte er ein Schulmusikstudium II an und erwarb dabei das Dirigenten- und Gesangsdiplom. Später wurde er Lehrer an der Kantonsschule in Urdorf, wo er mit einem Saxofonschüler anfing und nach und nach ein Ensemble aufbaute. Aber wann kam er denn endlich zum Männerchor Fislisbach?
Er brachte frischen Wind
Es war Anfang der 1980er-Jahre als der damalige Dirigent des Männerchors Fislisbach, Vinzenz Frei, kündigte. Markus Juds Vater empfahl ihm sich doch dort zu bewerben. Beim Probedirigat sprang der Funkte aber nicht über. Zwei Jahre später kamen die Mitglieder des Männerchors abermals auf den Dirigenten zu. «Sie haben in zwei Jahren vier Dirigenten verschlissen», lacht Jud, als er sich zurück erinnert. Er selbst, damals 30 Jahre jung, musste sich zunächst gegen die gestandenen Männer im Chor durchsetzen. Als einmal nur die Hälfte der Sänger erschienen sei, habe er die Männer kurzerhand nach Hause geschickt, so Jud. «Bei der nächsten Probe sind wir dann wieder vollzählig gewesen», schmunzelt der heutige Ehrendirigent. Damit habe er sich Respekt bei den älteren Herren erworben. Und mit einer anderen Eigenschaft: der Fähigkeit Fehler einzugestehen und sich auch einmal zu entschuldigen. Etwa wenn er wieder einmal im Stau am Bareggtunnel stand und zu spät kam – oder gar nicht. So wie ein Mal, als er einen Probentermin verpasste, weil er sich im Termin geirrt hatte. Er sei gerade mit dem Töff auf dem Nürburgring, der legendären deutschen Rennstrecke, unterwegs gewesen, als der Anruf kam. Neben der Musik hat Markus Jud noch weitere Talente. Er war begeisterter Töfffahrer und sportlich ebenfalls begabt. Während seiner Seminarschulzeit wurde er Junioren-Handballmeister mit dem Seminar Wettingen. Wie er das neben all den musikalischen Aktivitäten auch noch geschafft hat? Mit Zähigkeit und grossem Durchhaltevermögen. Eine seiner Stärken, wie er selbst sagt.
Längst sind sie Freunde geworden
Durchhaltevermögen bewies er auch beim damals eher traditionell geprägten Männerchor, den er mit frischem Wind zum Erfolg führte. Mit dem klassischen, ernsten Liedgut konnten die Männer bei den Sängerwettbewerben nicht reüssieren. «Ich habe gesagt, wir müssen das Repertoire verändern», erinnert sich Jud. Der Chor begann erstmals auch auf Englisch zu singen, zunächst Gospels und Spirituals. Später kamen aktuelle Schlager von Freddy Quinn oder amerikanische Gassenhauer wie der «Banana Boat Song» von Harry Belafonte oder «The Lion sleeps Tonight» von The Tokens und sogar Countrysongs hinzu, die Jud für den Chor eigens arrangierte. Das Konzept kam an und begeistert nach über 40 Jahren nach wie vor das Publikum. Längst sind die Chorsänger zu Freunden geworden, die nach den Proben zusammen ein Gläschen Wein trinken. «Es ist wie eine Männer-WG, die sich einmal die Woche trifft», lacht Jud. Zu hören ist diese das nächste Mal im November. Dann gibt es ein «Best of Männerchor»-Konzert.
Michael Lux

