Von Einsiedeln nach Fislisbach und weiter
30.01.2026 FislisbachWenn ein kulturinteressiertes Zuhause ein Dorf belebt. Das Herz von Romy Studerus schlägt für die Kultur und Fislisbach
Am 8. Februar 2001 begann für Romy Studerus ihr Einsatz für die Kultur in Fislisbach, damals noch im Museum im Gemeindehaus. 2002 erfolgte die ...
Wenn ein kulturinteressiertes Zuhause ein Dorf belebt. Das Herz von Romy Studerus schlägt für die Kultur und Fislisbach
Am 8. Februar 2001 begann für Romy Studerus ihr Einsatz für die Kultur in Fislisbach, damals noch im Museum im Gemeindehaus. 2002 erfolgte die Einweihung des neuen Dorfmuseums im «Spritzhüsli» und nun, nach fast 25 Jahren, übergibt sie das Engagement in neue Hände. Ein Blick zurück und auf ein neues Leben, aber nicht ohne Kultur.
Romy Studerus sagte spontan zu. Nicht zu unserem Treffen für diesen Beitrag, sondern als sie vom damaligen Leiter des Dorfmuseums, Paul Suter, gefragt wurde, ob sie in der Kulturkommission Fislisbach mitmachen möchte. Das war 2001. Ihre Zusage für ein Gespräch mit dem «Reussbote» kam zögernd, aber sie kam. Wir verabredeten uns im Kulturzentrum Fislisbach, dem Ort, dem sie sich über zwei Jahrzehnte widmete, zusammen mit einem Team für Kunst, Kultur und Geschichte. Der Verfasser holte beim Pizzakurier um die Ecke an der Dorfstrasse zwei Pizzen, legte sie im oberen Saal auf den Tisch, öffnete einen Wein und kaum begann das Gespräch, stellte sie die Frage, die sie sich damals schon stellte: «Wie viel Kultur leistet sich die Gemeinde?»
Gute Frage. Obwohl Romy Studerus aus einer Arbeiterfamilie in Einsiedeln stammt, war «Kultur» in ihrer Kindheit kein Fremdwort. Das Angebot an Veranstaltungen in ihrer alten Heimat war gross, abgesehen von dem, was das Kloster Einsiedeln an liturgischer Dramaturgie bot. 1968 übersiedelte Romy Studerus von einem Ort mit internationaler Ausstrahlung über dem Nebelmeer in den Aargau, der poetisch vom Rhein und von der Reuss im Winter eingenebelt wurde, also zuerst nach Würenlingen, dann nach Fislisbach.
Kreativität ist überall zu Hause. Dies scheint für Romy Studerus die Einstellung zu sein, die sie als Künstlerin und als Kulturvermittlerin bis heute umtreibt. Als Nachfolgerin von Paul Suter und Bruno Poletti präsidierte sie die Kulturkommission mit der Herausforderung, zeitgenössisches Schaffen und das Bewahren der reichen Dorfgeschichte unter einem Dach darzustellen und zu vermitteln. Als wir mit den Pizzen auf den Händen die Treppe hochgingen, standen unten im Museum Kinder und bestaunten uralte Schulmöbel, während wir Älteren an die alten Zeiten dachten.
Kreativität statt Kunst
Die Begriffe «Kunst» und «Museum» lösen in der Öffentlichkeit unterschiedliche Reaktionen aus. Deshalb lud Romy Studerus, zusammen mit Bruno Poletti und dem Kommissions-Team die hiesige Bevölkerung ein, ihre kreativen Arbeiten auszustellen, mit dem Motto «Fislisbach kreativ». Resultat: Über 20 Bewohnerinnen und Bewohner von Fislisbach stellten 2016 ihre Arbeiten aus. Es war ein voller Erfolg. Die gestalterischen Fähigkeiten der Teilnehmenden beeindruckte das Publikum, und das «Badener Tagblatt» staunte über die «äusserst kreative Energie, die bei den Fislisbachern zu finden» war. Romy Studerus sagte dem Blatt damals: «Es war wirklich eine grosse Herausforderung, die 185 unterschiedlichen Werke auf den zwei Etagen unseres Kulturzentrums entsprechend zu positionieren. Die verschiedenen Exponate so zu platzieren, dass sie sich nicht gegenseitig konkurrieren, trotzdem aber ins beste Licht gerückt werden.» Fazit: So geht lebendige Kultur für alle.
Wir legen unsere leeren Pizzaschachteln beiseite und Romy Studerus wird nachdenklich bei der Frage, was ihr denn so in all diesen Jahren am meisten Freude machte: «Der Prozess von der Idee bis zu einer Ausstellung machte immer wieder grosse Freude. Es war auch immer wieder erstaunlich, wie Konzepte durch das handwerkliche Geschick von Gaby Zehnder Gestalt angenommen haben und sich noch während der Umsetzung verändert haben.» Und immer wieder stellt sich die Frage, was eigentlich Kunst ist oder wo Kultur beginnt. Romy Studerus findet im Alltag mit all seinen Momenten stets neue Facetten dazu.
Geschichte ist nicht Geschichte
Der Geschichtsunterricht in den Schulen werde immer nur von oben erzählt, von Herrschern und ihren Schlachten, jedoch nicht oder selten aus der Perspektive des menschlichen Alltags, was für ihr Geschichtsverständnis viel wichtiger wäre. Dabei kommen ihr gleich zwei frühere Ausstellungen in den Sinn. «Der steinige Weg einer aussergewöhnlichen Frau» lautete 2004 der Titel einer Ausstellung über Mutter Bernarda, die Mitbegründerin des «Ordens Schwestern vom Heiligen Kreuz» in Menzingen, die übrigens 1822 in Fislisbach mit bürgerlichem Namen Maria Anna Heimgartner geboren wurde und 1863 in Menzingen starb. Da Menzingen ein wichtiger Ort in der Biografie von Romy Studerus ist, konnte sie das Projekt gleich an zwei Orten umsetzen.
Das Museum mit seinen vielen exklusiven und sehr alten Gegenständen aus dem gewerblichen, bäuerlichen und privaten Alltag der Vorfahren dieses Dorfes wird an Wert nie verlieren, zeigt sie sich überzeugt, denn jede Generation kommt in das Alter, in dem sie dann hier steht und sagt: «Das war in meiner Zeit» oder «Weisst Du noch, damals?» Das Museum ist eine Art Gedächtnis und ein Haus mit vielen Erzählungen, die uns mit den Menschen vor uns vertraut machen. Sie sieht noch viel Potenzial für künftige Themenausstellungen.
Kunstschaffende mit den Kunstgeniessenden auf Augenhöhe
Die vielen Veranstaltungen schmücken das gesellschaftliche Leben eines Dorfes, das dann später wieder zur Geschichte gehört. Wie sieht Romy Studerus die kulturelle Zukunft hier in Fislisbach? «Ich bin zuversichtlich und voller Hoffnung, dass die Lebendigkeit mit Ausstellungen, Lesungen, Gesprächsabenden, Musik und vielem mehr uns hier im Kulturzentrum erhalten bleibt.» Gab es nie mal Stolpersteine oder Pannen? «Doch doch», gibt sie zu, «doch dafür hatten wir oft einen Plan B», ohne auf Einzelfälle einzugehen, wechselt sie diplomatisch das Thema.
Ein nicht zu unterschätzender Faktor müsse für das Kulturgeschehen beachtet werden: Die Begegnung zwischen den Kulturschaffenden und den Besucherinnen und Besuchern. Die nach den Veranstaltungen geführten Gespräche beim Apéro sind genauso ein wichtiger Anteil des Events. «Hier kann sich das Publikum auf Augenhöhe mit Autoren, Journalistinnen und Künstlern austauschen», sagt sie. Da wäre die SRF-Korrespondentin Karin Wenger, die ausgiebig Fragen beantwortete oder die Historikerin Heidi Witzig, die sich zudem über die Ankündigung ihrer Veranstaltung bei der Dorfeinfahrt freute.
Der bekannte Schauspieler Müller-Drossaart besuchte Fislisbach
Auch anlässlich der letzten Veranstaltung unter der Ägide von Romy Studerus mit dem bekannten Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart («Grounding», «Cannabis» etc.) und dem Musiker Peter Gisler war es für die zahlreichen Besucher ein Vergnügen, mit den beiden Stars anzustossen und sie zu befragen; zum Beispiel Müller-Drossaart, wann sein nächstes Buch erscheint oder wann es auf ARD mit dem «Bozen-Krimi» weitergeht. Aber noch ist Romy Studerus im Kulturzentrum ganz unten im Keller anzutreffen. Denn ohne ein sauberes Archiv für die Nachwelt geht man nicht so einfach von der Bühne. Wir stehen zwischen Schachteln, Ordnern und Schubladen. Sie zieht da und dort einen Karton hervor, durchblättert handschuhbewehrt durch historische Negativ-Fotografien und blättert Programmflyer und Werbedrucksachen auf. Ein wahrer Fundus für alle Nachkommen, die mal wissen möchten, wer schon in Fislisbach hier im Dorfmuseum oder in der Aula auf der Bühne stand. Da sehen wir grad die Drucksachen mit Mike Müller, Pedro Lenz oder Knut und Tucek, die alle vom Team der Gruppe «Kultur in Fislisbach» eingeladen wurden. Vorsichtig verräumt sie wieder die Dokumente und wir gehen zwischen historischen Werkbänken der verschiedensten Handwerkskünsten aus alter Zeit und einer mächtig beeindruckenden Ausstellung zur Geschichte der Dorffeuerwehr vorbei wieder hoch in den hellen Saal oben unter dem Dach. Die Pizzaschachteln sind entsorgt, das Geschirr gespült, fast alle Notizen gemacht und bevor wir uns wieder aufmachen, muss die Frage doch noch sein, was sie nach so vielen Jahren im Kulturzentrum und nach so einem gelungenen Programmabschluss nun plant. Da gilt es nicht lange zu zögern. Selbstredend ist das Leben für die Familie samt Enkelkinder ohne Kultur undenkbar.
Ihre Wurzeln zu ihrer Kindheit pflegt sie durch regelmässige Besuche von Veranstaltungen in Einsiedeln. Sie liebt Kunstausstellungen wie diejenigen im Kunsthaus Aarau oder im Zentrum Paul Klee in Bern. Ein Muss für das Verwöhnen des musikalischen Gehörs seien die Besuche der Konzerte in der Stadtkirche Baden oder natürlich der Fislisbacher Musikgesellschaft in der Turnhalle.
Da wäre das Malen, das sie auch während der Karriere als Kulturmanagerin, nie aufgab. Noch heute trifft sie sich mit Kolleginnen aus der damaligen «Schule für Gestaltung» in Zürich, die jetzt «Zürcher Hochschule der Künste» heisst. Sie seien zu neunt und treffen sich jeden Freitag in Zürich zum Malen und Skizzieren, entweder mit oder ohne Modell.
Maria Kaegi, die frühere Dozentin, habe die Gruppe im Vorfeld unterstützt und sie seien immer noch in Kontakt.
Fast am Schluss unseres Gesprächs, gibt Romy Studerus zu, dass sie noch einen Wunsch hegt. Hier im alten Spritzenhaus durfte sie ihr eigenes künstlerisches Schaffen zweimal zeigen; zum sechzigsten und siebzigsten Geburtstag. Der Achtzigste steht bald bevor und es wäre schon schön, wenn ... es wäre ihr dies von Herzen zu gönnen.
Romy Studerus gibt «Reussbote»- Leserinnen und Lesern Kulturtipps
Zum Schluss einige Tipps von kompetenter Seite: Unbedingt zu lesen wäre «Wenn ich eine Wolke wäre - Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens» (Kiepenheuer & Witsch). Für das Ohr empfiehlt sie das Adagio aus Beethovens 9. Symphonie, die sie am Silvester in der Tonhalle Zürich genoss und für Kunstinteressierte sei eine Reise zur Sammlung Merzbacher im Kunsthaus Zürich empfehlenswert. Und, die Sendungen «Sternstunde Kunst» auf SRF inspiriere sie immer wieder aufs Neue.
Urs Heinz Aerni
Vom «Spritzhüsli» zum Kulturhaus
1936 wurde im alten Dorfkern von Fislisbach ein Gebäude mit einem Türmchen erstellt, das nicht zur Zierde diente, sondern zum Trocknen von Feuerwehrschläuchen. Seit diesem Jahr bis 1962 rückte aus diesem Haus an der Mitteldorfstrasse 4 die Feuerwehr aus. Nachdem die Feuerwehr und das Bauamt 1998 in den neuen Werkhof umzog, wurde ein neues Kapitel für das alte «Spritzenhüsli» aufgeschlagen. Im Jahr 2000 stimmte die Bevölkerung für eine neue Zukunft des Gebäudes mit dem Ziel, hier die Dorfgeschichte zu entdecken und gleichzeitig eine lebendige aktuelle Kultur zu gestalten. Über 30 Ausstellungen und Veranstaltungen lockte nicht nur das Publikum aus dem Dorf ins alte Feuerwehrhaus. Es war eine Erfolgsgeschichte mit einem Mehrwert für das Standortmarketing der Gemeinde. (uha)







