Wie die Klöpplerin zu ihrer Leidenschaft fand
18.09.2026 FislisbachFislisbach: Vor über 40 Jahren entdeckte Hanna Muntwyler dank einer Freundin ihre Leidenschaft. Fürs Klöppeln steht sie gerne früher auf
Hanna Muntwyler besuchte als junge Frau nach der Arbeit im Spital einen Klöppelkurs. Diese Kunst liess sie nicht mehr ...
Fislisbach: Vor über 40 Jahren entdeckte Hanna Muntwyler dank einer Freundin ihre Leidenschaft. Fürs Klöppeln steht sie gerne früher auf
Hanna Muntwyler besuchte als junge Frau nach der Arbeit im Spital einen Klöppelkurs. Diese Kunst liess sie nicht mehr los. Erst wenn die Muster richtig kompliziert werden, fühlt sie sich herausgefordert.
Hanna Muntwyler hat ein Gewirr aus Fäden, Stecknadeln und vielen kleinen Holzspindeln vor sich liegen. Konzentriert betrachtet sie das Durcheinander auf der Arbeitsplatte, das für sie alles andere als chaotisch aussieht. Sie weiss nicht nur um die Ordnung. Sie hat hier auch den Durchblick und schafft Struktur. Die Klöppel zwischen den Fingern, führt sie verschiedene Muster nach Vorlage aus, von denen sie sich oft kaum losreissen kann. «Das ist wie eine Sucht. Wenn ich am Klöppeln bin, vergesse ich die Zeit», sagt die Fislisbacherin. Sie vergleicht ihr Schaffen gar mit Meditation, weil sie dann an nichts Anderes denke.
Wie in St. Gallen alles begann
Ihrer Passion frönt Hanna Muntwyler seit über 40 Jahren. «Begonnen hat alles in St.Gallen», erzählt sie. Sie arbeitete als Diplomierte Kinderkrankenschwester (heute Pflegefachfrau genannt) im Kinderspital St. Gallen. Seit jeher strickte sie viel – «am liebsten komplizierte Muster» – und sie nähte ihre Kleider selbst. «Ich wäre sehr gerne Handarbeitslehrerin oder Kindergärtnerin geworden.» Als eine gute Freundin sie Anfang der 1980er-Jahre motivierte, an der Frauenfachschule in St. Gallen an einem Klöppelkurs teilzunehmen, war Muntwyler sofort dabei. Nach der Arbeit im Kinderspital eilte die junge Frau damals direkt an den Kurs und lernte zunächst Klöppel wickeln und dann anhand des sogenannten Klöppelbriefes, auch die Muster zu lesen und selbst zu weben. «Zu Beginn», erinnert sie sich, «mit Schulgarn». Heute benutzt sie für ihre Werke fast ausschliesslich feinen Nähfaden, Leinen und Seide.
Im Haus in Fislisbach ist jeder Vorhang mit einer filigranen Borte abgesetzt. Auf dem Tisch hat Muntwyler sternförmige Spitzen ausgelegt. Die Sterne haben fünf, sechs oder neun Zacken und jeder sein ureigenes, zartes Muster. Sie öffnet behutsam eine grosse Schachtel und hebt ein weisses Taufkleid hoch. Dieses seidenfeine Kleid hat ihre Tochter getragen. Genäht hat es Hanna Muntwyler. Sie hat das Kleid mit ihren eigenen Spitzen durchsetzt, auch an das Häubchen hat sie Spitzen genäht und die weissen Schuhe selbst geklöppelt.
In ihren Anfängen aber musste sie sich an das Kreuzen und Drehen der Fäden gewöhnen. Die unterschiedliche Anzahl an Kreuzungen und Drehungen lassen eine enorme Vielfalt an Mustern entstehen. Hanna Muntwyler hatte ihre Leidenschaft entdeckt: «Oft stand ich damals eine Stunde früher auf, um einen Schlag zu wiederholen. Ich wollte Lauf und Muster beherrschen.»
Sie steht früher auf, um zu klöppeln
Als sie heiratete, zog sie in den Aargau. Sie besuchte weiterhin Klöppelkurse, war inzwischen aber auf einem Niveau, das ihr erlaubte, selbst Kurse anzubieten. Auf ihre Ausschreibung an der Volkshochschule meldeten sich zwei Interessierte. Für einen Kurs reichte das nicht. «Ich bot den beiden schliesslich privaten Unterricht an.»
Hanna und Josef Muntwyler wurden in dieser Zeit Eltern, sie zogen nach Fislisbach, wo sie seit 30 Jahren daheim sind – die beiden Kinder sind mittlerweile erwachsen. Klöppeln ist nicht das einzige Hobby von Hanna Muntwyler. Sie liebt die Musik, spielt Geige im Seniorenorchester, Schwyzer Örgeli und Flöte, unter anderem in der Musikgesellschaft Fislisbach. Zudem näht und strickt sie gerne. Über das Häkeln aber sagt sie: «Häkeln ist für mich mittlerweile komplizierter als klöppeln.»
Heute steht sie wieder früher auf. So, wie in ihren Anfängen. «Einfach, um morgens noch ein bisschen an die Klöppel zu gehen.» Das war nicht immer möglich. Als die Kinder klein waren, disziplinierte sich Muntwyler selbst: «Familie und Haushalt hatten damals Vorrang.»
Ein Blick in die Klöppel-Geschichte
Seit dem 17. Jahrhundert entwickelte sich das Spitzenklöppeln beispielsweise im Lauterbrunnental zu einem Heimarbeitszweig im Berner Oberland. Die Trachtenspitzen wurden zum begehrten Accessoire wohlhabender Touristinnen – für wenig Lohn. Erst als 1912 der «Verein zur Hebung der Klöppelindustrie im Lauterbrunnental» gegründet wurde, verbesserte sich auch der Verdienst für die Frauen im Tal. In den Vereinsstatuten stand damals: «Der Vorstand hat darüber zu wachen, dass die Klöpplerinnen in keiner Weise über der Heimarbeit die Pflege des Heimwesens und der Familie vernachlässigen. Wo dies der Fall sein sollte, muss die Arbeit so lange entzogen werden, bis die Haushaltung in tadellose Ordnung gebracht ist.»
Auch wenn das Klöppeln während Muntwylers Familienjahre in den Hintergrund rückte, geschah das doch aus freien Stücken. Heute widmet Hanna Muntwyler ihrer Leidenschaft wieder viel Zeit, aus reinem Vergnügen. Dieses teilt sie mit vielen Gleichgesinnten, in der Klöppelgruppe Zurzach, wo die Frauen einmal im Monat gemeinsam klöppeln und sich austauschen. «Gemeinsam besuchern wir Spitzen-Tagungen in der Schweiz und den deutschen Klöppelkongress.»
Heidi Hess
Hanna Muntwyler wird am 22. November 2026 einen Stand am Adventsmarkt in der Vogelrüti in Niederrohrdorf betreiben. – Auf Anfrage vermittelt sie gerne die Grundlagen des Klöppelns: Telefon 056 493 04 26.





