Wie sie das Heim in den ersten Jahren prägten
23.10.2026 FislisbachFislisbach: Das Alterszentrum feierte im September sein 50-jähriges Bestehen. Das erste Heimleiterpaar und eine Gemeinderätin erinnen sich
Das Ehepaar Bircher und Hedy Zehnder gehörten im Altersheim zu den Menschen der ersten Stunde. Sie erzählen von ...
Fislisbach: Das Alterszentrum feierte im September sein 50-jähriges Bestehen. Das erste Heimleiterpaar und eine Gemeinderätin erinnen sich
Das Ehepaar Bircher und Hedy Zehnder gehörten im Altersheim zu den Menschen der ersten Stunde. Sie erzählen von Nachtwachen, Balkonen und sie raten zu Geduld. Ihre Erinnerungen zeigen auch, wie sich die Rolle der Frau änderte.
Zu dritt sitzen sie in der Cafeteria des Alterszentrums am Buechberg. Marie-Rose und Rolf Bircher als Gäste, Hedy Zehnder seit kurzem als Bewohnerin. Die 94-Jährige ist dieses Jahr an Ostern aus ihrer Wohnung in Niederrohrdorf ins Alterszentrum nach Fislisbach umgezogen. «Beim Ankommen in diesen Häusern fühlte ich auch ein bisschen Heimat», meint Hedy Zehnder.
Kein Wunder. Alle drei sind mit dem Alterszentrum auf enge Weise verbunden. Jahrelang arbeiteten und engagierten sie sich für dieses Alterszentrum. Das Ehepaar Rolf und Marie-Rose Bircher war das erste Heimleiterpaar im 1976 eröffneten Altersheim und führte das Haus über 30 Jahre lang, bis 2007. Hedy Zehnder wurde 1981 in den Niederrohrdorfer Gemeinderat gewählt und zählte damit zu den ersten Frauen, die nach der Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz im Jahr 1971 am Rohrdorferberg ein politisches Exekutivamt bekleideten. In dieser Funktion vertrat sie ab 1983 auch die Gemeinde Niederrohrdorf, die eine von acht Verbandsgemeinden des regionalen Alterszentrums war, zwölf Jahre lang in dessen Vorstand. Als sie aus dem Gemeinderat austrat, präsidierte sie noch fünf Jahre lang die Heimkommission des Alterszentrums. Erst vor kurzem feierte das Alterszentrum sein 50-jähriges Bestehen. Unter den geladenen Gästen waren auch das Ehepaar Bircher und Hedy Zehnder. Zehnder schnitt an diesem Abend die Torte an, zusammen mit Zentrumsleiter Thomas Rohrer und den Co-Präsidenten des Verwaltungsrates, Verena Bieri und Thomas Zimmerli.
«Heimeltern» waren üblich
Beim Gespräch in der Cafeteria erinnern sich die drei, wie sie damals gemeinsam am gleichen Strick zogen und dadurch die Entwicklung des Alterszentrums entscheidend prägten. Marie-Rose und Rolf Bircher traten im Herbst 1976 ihre Stelle in einem Haus an, das damals noch im Rohbau war. «Mein Büro befand sich während des ersten Monats in der Baracke des Poliers», sagt Rolf Bircher. Dort schloss er erste Verträge mit Bewohnerinnen und Bewohnern ab, stellte Mitarbeitende ein und schloss auch mit Lieferanten Vereinbarungen ab. Dem Ehepaar wurde die Heimleitung zugesprochen, weil sich ihre jeweiligen beruflichen Kompetenzen ideal mit den Anforderungen an die Heimleitung ergänzten: Rolf Bircher war leitender Techniker in einem Industrieunternehmen, seine Frau Marie-Rose hatte als ausgebildete Krankenschwester zwölf Jahre lang in den Kantonsspitälern Aarau und Wattwil gearbeitet.
Sie erzählen, wie in den 1970er-Jahren Heime mit sogenannten «Heimeltern» üblich gewesen seien. Die Idee dahinter ist in der Jubliäumsschrift, erschienen zum 40-Jahr-Jubiläum des Alterszentrums, nachzulesen: «Der Heimleiter führte den Betrieb und seine Frau konnte für ein paar Stunden zusätzlich Betreuungsund Stellvertretungsaufgaben übernehmen.» Das alles bei 100 Prozent Lohn für den Heimleiter und 33 Prozent für seine Frau. Beide lachen.
Die Realität sah anders aus. Marie-Rose Bircher arbeitete weit mehr als 33 Prozent. Erst anfangs der 1980er-Jahre wurde ihre Anstellung geändert und sie zur Co-Heimleitung befördert. Rolf Bircher betont aber auch: «Ohne sie hätte ich die Stelle nicht annehmen können. Die Leitung eines Betriebs war mir vertraut. Meine Frau aber verantwortete die Pflege.»
«Es war ein Krampf»
Marie-Rose Bircher übernahm Nachtwachen. Sie stand auf, wenn die Alarmanlage nachts schrillte, was damals mit bereits 80 Bewohnenden oft geschah. Der Alarm weckte beide, weil er im Schlafzimmer in der Wohnung der jungen Familie installiert war, die sich in den ersten Jahren noch im Alterszentrum befand. «Am anderen Morgen», sagt Marie-Rose Bircher, «erledigte ich den übrigen Dienst. Es war ein Krampf, weil vieles noch nicht routiniert ablief.» Ihr Mann erklärt: «Ein Erfahrungsaustausch fehlte in diesen Anfangsjahren, weil es noch kaum Altersheime gab.» Sie hätten sich vieles selbst erarbeitet. Marie-Rose Bircher begann ihre Mitarbeitenden zu schulen: «Unsere Hilfskräfte wussten nichts über Pflege. Sie wussten nicht, wie man jemanden umlagert, wäscht oder Essen eingibt.» Die Angestellten waren meist Familien- und Hausfrauen, die wieder ins Erwerbsleben einsteigen wollten. Die ausgebildete Krankenschwester schulte auch Mitarbeitende aus anderen Heimen in pflegerischen Grundkenntnissen und liess sie dafür nach Fislisbach kommen. Die Jubiläumsschrift hält fest: «Für Marie-Rose Bircher tat sich jene frühere Rolle der Ausbildnerin wieder auf, mit der sie die Pflegerinnenschule in Wattwil aufgebaut hatte. Daraus entstanden mit der Zeit zahlreiche Kurse, die allmählich zu professionellen Ausbildungsstandards an verschiedensten Orten führten.»
Die Rolle der Gemeinderätin
Die Niederrohrdorferin Hedy Zehnder hatte in diesem Dreiergespann eine andere Rolle. Als Gemeinderätin vertrat sie ab 1983 die Verbandsgemeinde Niederrohrdorf im Vorstand. Im achtköpfigen Gremium war sie die einzige Frau und musste sich oft gegen ihre Kollegen durchsetzen. Rolf Bircher bezeichnet sie als «Ansprechperson». Sie hätten ein gutes Vertrauensverhältnis gehabt: «Wenn Hedy Zehnder sagte, so wird es gemacht, dann wurde es auch so umgesetzt.» Das schätzte er sehr.
Das funktionierte im Kleinen und es beruhte auf Gegenseitigkeit. Als etwa das Heimleiterpaar die Gemeinderätin bat, sie bei der Auswahl von Möbeln und Wäsche für das Heim zu beraten. «Der Vorstand lehnte ab mit den Worten ‹Das kommt nicht in Frage›», erinnert sich die damalige Gemeinderätin. Rolf Bircher habe hingegen darauf bestanden, dass Zehnder das Heimleiterpaar begleite. Mit Erfolg.
Es funktionierte auch im Grossen, als im Alterszentrum ein Umbau anstand. Zwischen den beiden Häusern sollten Balkone und eine verglaste Passerelle gebaut werden. Weil der Kostenrahmen überschritten wurde, lehnten die acht Verbandsgemeinden Balkone und den verglasten Durchgang ab. Der damalige Gemeindeammann von Niederrohrdorf habe sie getröstet, sie könnten ja eine neue Eingabe machen, erzählt Hedy Zehnder. Für sie war das keine Option: «Ein neues Baugesuch bringt neue Kosten.» Die Lösung kam schliesslich vom Personal des Alterszentrums, das sich bereit erklärte einen Tag lang gratis zu arbeiten. Zudem wurde ein Spendenbarometer im Eingangsbereich des Alterszentrums installiert. «Gleich in der ersten Woche spendete ein Niederrohrdorfer 10 000 Franken», staunt Hedy Zehnder noch heute über diese Grosszügigkeit. Dank der kreativen Lösungsansätze gibt es heute Balkone, die verglaste Passerelle und zusätzlich ein Tiergehege.
«Das hat mich beschäftigt»
In der Cafeteria ist der Lärmpegel mittlerweile gestiegen. Sowohl das Ehepaar Bircher als auch Hedy Zehnder werden von Mitarbeitenden und von Gästen begrüsst.
Es ist offensichtlich: Hedy Zehnder ist im Alterszentrum angekommen. Sie sagt gegen Ende des Gesprächs aber auch, dass sie inmitten dieser Menschen – auch solchen, die an Demenz leiden – mit einer «anderen Welt» konfrontiert worden sei. «Das hat mich beschäftigt.» Es brauchte Geduld, meint sie. Geduldig sein, rate sie deshalb auch allen, die vor dem gleichen Schritt stünden, wie sie selbst im letzten Frühling. «Ich mache alles mit», fügt sie gleich darauf lachend an. «Ich turne, stricke und ich falte auch Wäsche.»
Und wie könnte es anders sein bei einer ehemaligen Politikerin: Sie bleibt politisch aktiv. Im Haus hat Hedy Zehnder bereits zwei Anträge eingereicht: Verbesserungsvorschläge für den Fussweg am Waldrand hinter dem Alterszentrum sowie auch für die Bushaltestelle. Der Fislisbacher Gemeinderat sicherte zu, die Vorschläge zu beraten.
Heidi Hess



